Wie ich in 40 Stunden die größte Krise meines Lebens vergaß

Liebe Elli, lieber Theo,

eigentlich wollte ich Euch in diesen ersten Zeilen 2019 zehn Dinge aufschreiben, die mir gerade aus dieser Krise helfen, von der ich Euch in meinem letzten Brief 2018 erzählte. Ich gebe zu, es hat ein bisschen gedauert, denn tatsächlich hatte ich zwischendurch noch immer heftiger an allem zu knabbern als es mir lieb war. Irgendwann letzte Woche aber war zumindest die hübsch-bunte Liste im Kopf fertig, es scheiterte im Alltags-Trubel nur wie so oft noch daran, das alles schnell mal herunterzutippen.

Dann aber kamen rund 40 Stunden, die meine zehn Punkte sehr plötzlich platzen ließen wie Seifenblasen. Genau genommen sprengten sie einfach alle in die Luft – und ließen mich schlagartig so ziemlich alles vergessen, das mir in den vergangenen sieben Monaten Bauchschmerzen verursacht und Tränen in die Augen getrieben hatte. Wisst Ihr: Wenn eine bestimmte Sache einem den Boden unter den Füßen wegzieht – dann aber eine zweite Sache passiert, die einen so durch die Luft wirbelt, dass man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist: Dann ist es eben auch egal, wenn da vorher kein Boden war.

Aber bevor ich zu sehr um den heißen Brei rede, mal Tacheles: Wir sind im Krankenhaus, heute ist Tag 6. Du, Elli, schnarchst leise neben mir, und ich werde jetzt aufschreiben, was vergangenen Mittwoch ab 19 Uhr und in den Stunden darauf geschah:

Du rührtest nichts vom Abendbrot an, was ungewöhnlich ist. Aber ich schob es auf unser eis- und schnuckelgeprägtes Playdate mit Eurer Freundin Emma am Nachmittag, machte mir nicht weiter Sorgen. Selbst, als Du anhänglich wurdest und Dir auf meinem Schoß immer wieder die Augen zufielen, wunderte ich mich nicht besonders. War halt ein langer Tag.

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Schwall No. 1 (Tschuldigung. Aber in S/W hat es was von Kunst, finde ich, und mit viel Fantasie ist es ein Hai.)

Ich begann, Euch fürs Bett fertig zu machen, als ich stutzig wurde. Deine linke Gesichtshälfte war mit einem Mal so schief, Elli, und das Sprechen schien Dir schwer zu fallen. Ich hob Dich hoch, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei – Deine Antwort kam im hohen Bogen, mit säuerlichem Geruch und in mehreren Schwällen. Tatsächlich war das Deine Brech-Premiere, damit hatten wir bisher nichts am Hut, deshalb war ich jetzt zumindest irritiert, dachte aber auch: okay, DAS war es also. Da musste was eben was raus. Blöder Süßkram, morgen mal zuckerfrei.

Doch damit war es nicht getan. Dein Gesicht: noch seltsam asymmetrisch, das Speckbäckchen hing regelrecht herab. Dein Ausdruck: verunsichert. „Ich habe im Kopf ein Aua, so ganz weit drin“, sagtest Du extrem nuschelnd, „So tief, dass ich da nicht dran komme.“ Du übergabst Dich erneut, dieses Mal zur Abwechslung in die Toilette (während die ersten Ladungen inselartig in Schlaf-, Kinderzimmer und Flur darauf warteten weggewischt zu werden).

Ein Naturgesetz, das Ihr auch noch kennenlernen werdet, lautet ja bekanntlich, dass Mamas alles immer etwas dramatischer sehen als Papas. „Wird schon nichts sein“, sagte Euer Vater, als ich ihn etwas panisch anrief. Mein Bauch sagte etwas anderes. Ich zögerte, wog ab. Vielleicht würden mich die Rettungskräfte für eine vollkommen hysterische Helikopter-Muddi halten. Möglicherweise würden wir in der Notaufnahme postwendend wieder nach Hause geschickt werden, gegebenenfalls hätten wir eine völlig überflüssige Nacht in der Klinik.

Ich rief trotzdem die 112. Beschrieb die Symptome. Und hatte sechs Minuten später fünf Männer und eine Frau in roten Klamotten in der Hütte stehen. Papi blieb bei Dir, Theo. Und Dich und mich nahmen sie mit, Elli. Mit Blaulicht und Tatütata düsten wir in die Klinik, und während ich mit Dir und Deinen noch immer sehr schrägen Gesichtsmuskeln, die ab und zu seltsam zuckten, da saß und Dir gut zuredete, notierte die Frau mit dem Klemmbrett zwölf Buchstaben in das Feld Verdachtsdiagnose: S-C-H-L-A-G-A-N-F-A-L-L.

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Auf dem Weg zur MRT-Untersuchung. Vor der echten Narkose gab’s einen Scheißegalsaft, der mir einen Vorgeschmack gab, wie Dein erster Rausch in hoffentlich frühestens 10 Jahren so wird

Es folgten zwei Nächte und zwei Tage mit diversen Untersuchungen. Sie checkten Dein Blut, Dein Pipi. Kontrollierten Deine Mimik, sahen Dir in Mund und Ohren. Schoben Dich, unter Vollnarkose (weil es wohl so gut wie unmöglich ist, 4-Jährige Kindern 20 Minuten komplett still zu halten) in die Röhre, und spätestens jetzt drehte mein Kopfkino komplett durch. Ich dachte an die kleine Lina, über die ich im Dezember für unsere Zeitung berichtet hatte. Das Mädchen mit dem Hirntumor. Diese Geschichte ohne Happy End.

Ich wurde halb wahnsinnig. Während mein Unterbewusstsein versuchte, die schlimmsten Alpträume zu verdrängen, hörte ich mich selbst funktionieren. Ich flüsterte Dir die liebsten Dinge der Welt zu, während Du im Aufwachraum wieder zu Dir kamst. War da und erstaunlich stark nach außen, jede Sekunde an Deiner Seite.

Erst Freitagmittag gab ein Oberarzt Entwarnung, und schloss die schlimmsten Vermutungen aus:

Kein Hirninfarkt. Kein Schlaganfall. Kein Tumor.

Er zeigte mir die MRT-Aufnahmen und mit seinem weißen Kuli auf einen hohlen Knochen hinter dem Ohr. Hier habe sich Flüssigkeit gesammelt, sagte er, und erklärte mir, dass es sich um eine „Mastoiditis“ handele. Drei Tage lang hatte ich es erfolgreich geschafft, nicht zu googeln. Jetzt tat ich es. Und auch, wenn schon die ersten Bilder zu diesem Begriff abschreckend genug waren, glaubte ich dem Doc, der betonte, dass das das kleinste Übel sei nach all diesen Symptomen. Dass er wie seine Kollegen anfangs von Schlimmerem ausgegangen war, das wurde mir glücklicherweise erst jetzt so richtig bewusst. Er verordnete zehn Tage intravenöse Antibiotika-Therapie – und nun liegen wir also hier.

Wenn alles gut geht, bekämpft das aggressive Zeug die Entzündung im Mastoid – damit wäre die Operation vom Tisch, von der hier in den letzten Tagen immer wieder die Rede war. Ein „wenn nicht“ werde ich nicht aufschreiben. Denn das ist keine Option. Es WIRD gut. Daran glaube ich fest.

Elli, weißt Du was?

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Du bist so in etwa 80 Mal tapferer als ich es wäre. Hier bekommst Du gerade eine intravenöse Ladung Antibiotikum und singst dabei das Pippi-Langstrumpf-Lied.

Mir ist gerade ALLES andere egal. Dieser eine (für eine Kinderstation eindeutig zu zickige) Arzt, der schon nach eineinhalb Fragen genervt mit den Augen zu rollen scheint (zum Glück sind die anderen toll). Diese Schwester, die IMMER irgendwas umwirft, wenn sie ins Zimmer kommt und IMMER irgendwas liegen lässt, wenn sie es verlässt (gern auch mal Spritzen in Kinder-Reichweite) und einfach so unfassbar tüddelig ist, dass ich sie ab und zu gern fragen würde, ob ICH IHR vielleicht mal eine Flexüle für eine anständige Infusion legen darf. Das Krankenhausessen, das auf der berühmten Skala von 1 bis 10 gestern immerhin dort mal (im unteren Bereich) auftauchte. Der Brief vom Finanzamt, der Dienstag im Briefkasten war und längst hätte geöffnet werden müssen und meine To-Do-Liste, von der ich in den letzten Tagen keinen einzigen Punkt abhakte. Tatsächlich ist selbst der Kummer der vergangenen Monate, die Trauer über die Trennung von Eurem Papi, die Verzweiflung darüber, dass diese Familie keine mehr ist, (zumindest vorübergehend) passé.

Es ist alles andere als eine bahnbrechende Erkenntnis, und gefühlt enden drei von fünf meiner Briefe an Euch mit diesem Hauptsache-Ihr-seid-gesund-Blabla, aber 1. kann man ja Eure bisherigen Krankheiten an einer Hand abzählen, 2. war sowohl DAS als auch DAS gegen DAS jetzt Kinderkram – und 3. kam es niemals aus so tiefer Seele: Ich mache nicht drei, sondern dreißigtausend Kreuze, wenn wir hoffentlich in ein paar Tagen diese Klinik ohne schwerwiegende Konsequenzen verlassen. 

Drei Dinge noch schnell, die ich sonst gelernt habe:

  • Euer Papi und ich funktionieren im Notfall noch immer als Team. Zusammen mit Eurer Omi (die sich dankenswerter Weise die Woche freigenommen hat und extra anreiste!) schieben wir abwechselnd Schichten in der Klinik, und versuchen, es Dir hier so angenehm wie möglich zu machen. Kleines Wunder am Rande: Die Tage schaffte ich es sogar, Papis neuer Freundin auf ihre Gute-Besserung-SMS zu antworten, ohne sie dabei anzupampen und/oder zu beschimpfen (ja, ich mache Fortschritte).
  • Euch beide mal zu trennen, hat auch Vorteile. In viereinhalb Jahren habt Ihr insgesamt vielleicht zwölf Stunden NICHT miteinander verbracht. Ihr seid einfach IMMER zusammen, seit Eurer Entstehung in meinem Bauch vor gut fünf Jahren wart noch nie eine Nacht getrennt. In den vergangenen Tagen habt Ihr Euch schrecklich vermisst – es aber auch genossen, uns jeweils mal ein paar Stunden exklusiv zu haben. Elli, in den ersten Tagen waren wir hier jede Minute zusammen in der Klinik, uns ganz nah – während Theo zu Hause Quatsch mit Papi machte. Euer Wiedersehen und die Telefonate, die Ihr zwischendurch miteinander führtet: unbezahlbar. Vielleicht verbringt Ihr demnächst mal ein Wochenende ohneeinander, wenn die Umstände etwas schöner sind.
  • Mein Mutterinstinkt funktioniert. Den Rettungswagen zu rufen war das einzig Richtige, das hat hier so ziemlich jeder Doc beteuert. Eine nicht behandelte Mastoiditis kann (sehr) blöd enden, und es ist gut, dass sie so früh erkannt wurde, rechtzeitig reagiert werden konnte. Erinnert Ihr Euch an den Menschen, den ich im letzten Brief ebenfalls ganz unten erwähnte? Er kurbelte meine 112-Entscheidung mächtig an, brachte mein zwischendurch etwas wackelndes Bauchgefühl auf die richtige Spur. Dafür bin ich ihm unfassbar dankbar. Und dass ich ihn schon wieder erst in den letzten Zeilen erwähne, nimmt er mir hoffentlich nicht übel. Das Beste (bzw. Zweitbeste, nach EUCH!) kommt bekanntlich meistens zum Schluss.

Ich liebe Euch über alles.

Eure Zwillimuddi

 

 

 


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