Hallo, doppelter Ernst des Lebens!

Liebe Elli, lieber Theo,

als ich heute Morgen noch leicht verschlummert die Treppe herunterkam, dachte ich für den Bruchteil einer Sekunde, ich sei in der Zukunft aufgewacht. Natürlich fiel es mir im nahezu exakt im selben Moment wieder ein: Dass diese riesigen Schulranzen, die da auf unserer Bank stehen, ja tatsächlich Eure sind.

Seit fast einer Woche seid Ihr echte Schulkinder. Verrückt.

Wie Ihr schon das ein oder andere Mal mitbekommen habt, bin ich das Gegenteil einer Pessimistin. Und trotzdem hatte ich Bauchweh bei dem Gedanken an die coronabedingt abgespeckte, klasseninterne Einschulungsfeier, bei der nur Mütter und Väter mit Masken, dafür aber ohne Geschwisterkinder und Großeltern erlaubt sind.

Wisst ihr: Von allen Lebensabschnitten meiner Kindheit speicherte meine Kopf-Festplatte den Start des Kapitels Schule in den mit Abstand schönsten Farben. Meine Klassenlehrerin Frau Dierkes hatte einen Brief mit Marienkäfern zum Ausmalen geschickt. Akribisch kolorierte ich täglich eines der Tierchen, und mit jedem bunten Käfer wuchs die Vorfreude. Am großen Tag war der Pausenhof voller wunderbar-wuseliger Verwandtschaft, und mein Bauch kribbeliger als je zuvor.

Exakt so hatte ich es auch für Euch beide immer in meinem Kopf, und ich bemitleidete Euch in den vergangenen Monaten insgeheim mehr als einmal, dass das so vermutlich nie stattfinden wird. Und ich selbst tat mir irgendwie auch doppelt leid: Denn für mich ist diese Premiere ja quasi ein Unikat – eine weitere Einschulung werde ich in der Mama-Rolle nicht erleben. 

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Bei den Ranzen hatte ich übrigens keinerlei Mitspracherecht. 

Ich habe natürlich versucht, mir von meinen Bedenken nichts anmerken zu lassen und den Countdown für Euch möglichst schön zu gestalten. Wir kaufen zusammen Ranzen und die Grundausstattung, außerdem bekamt ihr eine Art Adventskalender für die letzten 24 Tage als Nicht-Schulkids. Trotzdem blieb da dieser Beigeschmack, dass es eben nicht so unbeschwert wird wie bei mir und Millionen anderen in der Zeit v.C. (vor Corona). Das Gute ist ja: Wenn man im Vorfeld so geringe Erwartungen hat, dann können letzt genannte ja im Grunde nur übertroffen werden. Und exakt so war es an diesem Dienstag.

Aufgeregt betraten wir die Turnhalle, in der vorne Bänke für die Neu-Erstklässler aufgebaut waren – und dahinter für jedes Elternpaar zwei Stühle, die jeweils sehr weit entfernt standen von den Sitzgelegenheiten für die anderen Mamas und Papas. Papi und ich nahmen also Platz in unserer kleinen imaginären Bubble da hinten, lauschten den Worten der Schulleiterin, hörten zwei Viertklässerinnen eine Geschichte über den „Ernst des Lebens“ vorlesen, zu der es ein kleines Bilder-Kino gab (in dem Ernst einfach nur ein netter Junge war) – und beobachteten Euch beide, wie Ihr freudestrahlend nach vorne gingt und Sonnenblumen in Empfang nahmt, als Eure Namen aufgerufen wurden.

 

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Hier noch gefasst, später ein Schlosshund.

Wenn Ihr in ein paar Jahrzehnten unsere Enkelkinder einschult: Vergesst die Taschentücher nicht. Keine Ahnung, wieso – aber ich kämpfte in diesen 45 Minuten mindestens 45 Mal gegen die Tränen. Und zwar nicht, weil alles so schrecklich war. Sondern weil es ein Naturgesetz zu sein scheint, dass Eltern nicht nur im Kreißsaal, sondern auch bei der Einschulung vor Rührung zu heulen beginnen.

Fakt ist: In diesem Moment waren die verfluchte Pandemie – und auch die Bedenken für die nächsten Wochen, in denen die Schulen hoffentlich nicht so bald wieder dicht machen – total egal. Es lag eine ganz besondere, zauberhafte Stimmung hier in der Turnhalle. Gerade weil die Runde so klein, der Kreis so intim war.

 

Keine tratschenden Tanten, die in der Ecke stehen. Keine quengelnden Kleinkinder, die die Ansprache der Klassenlehrerin übertönen. Keine Unruhe im Publikum, weil irgendeiner ja immer hustet oder mal muss. Einfach nur 24 Kinder, die sich auf ihren ersten Schultag (und den Inhalt ihrer Schultüten) freuen – und 48 sehr stolze Elternteile, die friedlich nebeneinander saßen, ganz egal, ob sie sich noch das Ehebett teilen oder nicht. 

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Ranzen- und Schultüten-Erkundung mit  Lieblingscousine Ida.

Nachmittags, bei unserer Mini-Familienfeier, sagtest Du, Elli: „Mama, ich möchte heute bitte noch mal in die Schule gehen!“ – Ihr beide schient beseelt und überglücklich. Vielleicht, weil der Tag so herrlich unaufgeregt war. Stundenlang saßt Ihr auf der Wiese, erkundetet Eure neuen Ranzen, begutachtetet die Kleinigkeiten, die in den Schultüten steckten, in denen schlicht kein Platz für das blöde Virus war.

Später aßen wir Regenbogenkuchentorte mit Gummibärchen und sehr viel Eis. Und während Ihr abends in meinen Armen zu schnarchen begannt, dachte ich, dass dieser Tag eigentlich nur dann noch besser gewesen wäre, wenn auch Oma B. und Opa D. und Uroma U. hätten dabei sein können.

Vergessen wird vermutlich so ziemlich niemand seinen ersten Schultag. Aber Ihr: Ihr habt später mal etwas sehr Außergewöhnliches über diesen Tag zu erzählen. Von eurem allerersten richtigen Schultag in dem Jahr, in dem Corona war – „damals“. Von den Masken, die wir tragen mussten, und die fast egal gewesen wären, wenn es nicht einer der heißesten Sommertage gewesen wäre, die Hamburg dieses Jahr zu bieten hat. Kurzum: Da ihr ja keinen Vergleich habt, bin ich ziemlich sicher, dass dieser Tag auch auf euren Festplatten ebenso schillern wird wie die Schulpremiere auf meiner.

Ich wünsche Euch eine aufregende Schulzeit, in der Ihr nicht nur ganz viel lernt, sondern Freunde für’s Leben findet. Und, dass Ihr von Lehrer-Exemplaren verschont werdet wie dieses, das mich damals in Physik unterrichtete.

Ich hab Euch lieb!

Eure Mama

P.S.: Apropos farbenfroh schillern.

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Teamwork! Dieses Kalorienmonster haben wir zu Dritt gebacken

Wie Ihr wisst, backe wirklich gerne – von diesem Regenbogenkuchengedöns hatte ich mich immer ferngehalten. Bis jetzt. Ich schnappte mir das erste Rezept, das ich bei Google fand, verdoppelte die Menge der Zutaten, ersetzte die Milch durch Saure Sahne (die macht Kuchen immer so schön saftig, finde ich) und buk zusammen mit Euch beiden los. Sechs Tortenböden in Freestyle-Schultütenform auf flachen Backblechen (dauerte dementsprechend lange). Als Ihr schlieft, verzierte ich mit Fondant und so ziemlich allem an Süßkram, den ich noch so in der Backschublade hatte. Kam ganz gut an, nicht nur optisch: hat tatsächlich auch geschmeckt! Vor allem mit salzigem Karamelleis. Zuckerschock lässt grüßen – gleichen wir jetzt mit gaaaanz viel Gemüse in den Butterbrotboxen aus …

 

 


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