Feiern bis der Arzt kommt: Wie Eure erste Party in der Klinik endete

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Die Ruhe vor dem großen Sturm: diese Bilder entstanden kurz vorm Eintrudeln Eurer Gäste

Liebe Zwillis,

eigentlich wollte ich Euch in diesem Brief von Eurer Taufe am vergangenen Samstag vorschwärmen. Denn Mannomann, was waren wir gut vorbereitet: ich habe meinen halben Lieblingsbastelladen leer gekauft, Abende und Nächte damit verbracht, die Tisch-, Altar- und Gartendeko zu gestalten. Wir haben Tische, Bänke und Kühlschränke auf unser Datschen-Grundstück ins tiefste Brandenburg karren lassen, erst nach (ungelogen) achtzehn Anrufen einen Getränkelieferservice gefunden, der so weit raus in die Pampa kommt. Es folgten lange Gespräche mit dem Theologen, XXL-Bestellung beim Zimtschneckenbäcker des Vertrauens, Klarmachen von Musikanlage und Zweitgrill-Leihgabe, Datschen-Großputz.

Kurzum: In den Tagen vor Eurer Taufe organisierten wir uns halb zu Tode. Zwischendurch hingen die Nerven am Bindfaden und wir ganz schön durch. Dann aber, eine gute Stunde vor Beginn der Zeremonie, war ALLES fertig (sogar meine Haare) – und ich sehr guter Dinge.

Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt (um mal wieder Eure liebe Urgroßoma zu zitieren). Die Pleiten-Pech-und-Pannen-Kurzzusammenfassung: 

-> Euer bester Kumpel Ferdi verpasste die Taufe, weil er und seine Eltern auf dem Weg mit dem Auto liegenblieben.
-> Eine Wespe stach Eure Patentante Anni, woraufhin ihre Hand auf die Größe eines aufgepusteten Gummihandschuhs anschwoll.
-> Euer Opa fuhr sie auf Anraten von Onkel Uli, der Arzt ist, ins Krankenhaus und dabei vor lauter Aufregung Omas Auto zu Schrott.

Und Ihr? Wolltet bei Eurer ersten großen Party offenbar feiern, bis der Arzt kommt, und zwar leider wörtlich: für Dich, liebe Elli, und mich endete der Tag in der Klinik.

Aber von vorn:

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Gänsehautmoment hoch zehn: Eure Paten sagen Euch, was sie Euch für die Zukunft wünschen

Samstagnachmittag, 15 Uhr. Die Taufzeremonie ist in vollem Gange und die Welt noch in Ordnung. Ein Gänsehautmoment jagt den anderen. Eure Paten lesen gute Wünsche vor, Alex und Nina singen und klimpern „Wasser unterm Kiel“, jeder Gast leert sein kleines Wasserfläschchen überm Taufbecken. Alles läuft nach Plan. Alles? Ihr seid unruhig und ein bisschen warm. Liegt an der Hitze, sage ich mir. Hoffentlich.

Moment Mal. Wart ihr nicht die Tage vor der Taufe nachts schon etwas fiebrig? Wieso habe ich Eure Temperatur nicht gemessen? Habe ich Euch nicht den Raum gegeben, krank zu werden, um das große Fest nicht zu gefährden?

Kurz nach 16 Uhr, die Taufgesellschaft sitzt an der langen Tafel unter Tannen, als Eure Babysitterin Cathleen mich zur Seite nimmt. „Die zwei sind total heiß. Hast Du mal Fieber gemessen?“, fragt sie, und ihr Blick dabei überrascht mich. Sie ist Kinderkrankenschwester und winkt meist cool ab, wenn ich mich wieder mal wegen irgendwas verrückt mache. Dieses Mal ist SIE diejenige, die sich sorgt. Zu recht: das Thermometer zeigt 39.8 bei Dir, Theo – und 40,5 bei Dir, Elli.

40,5! Ein einziges Mal hattet Ihr bislang Fieber, und da waren es keine 39. Warum jetzt ausgerechnet an diesem Tag? Ist das alles zu viel für Euch, das Fest zu groß? Haben wir zu viele Menschen eingeladen? Oder hätte ich Euch bei der Zeremonie im Halbschatten schlicht doch die Sonnenhüte aufsetzen müssen?

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Während Eure Gäste im See planschen, schlummert Ihr im Keller an der Brust ein

17.15 Uhr. Ich liege im kühlen Keller auf einer Luftmatratze, mein korallfarbenes Kleid, das ich mir extra für diesen Tag gekauft hatte, zerknittert am Boden. „Süße, das ist jetzt blöd“, sagt meine Hebamme Sissi, die heute auch Gast ist, „aber ehrlich gesagt ist die Party für Dich gelaufen. Du musst jetzt stillen, stillen, stillen. Und dann nach Hause fahren.“ Draußen springen die Gäste in den See, ich höre sie planschen, erahne die Melodie von „Barcadi Feeling“. Ich wehre mich, aber die Tränen hören nicht auf mich, sondern kullern in Strömen über meine rougebedeckten Wangen.

Für wen habe ich dieses Fest geplant? Für mich selbst?! Wieso komme ich mir so schlecht und egoistisch vor? Geht es hier nicht um EUCH? Wieso ärgere ich mich gerade so sehr? Ist nicht alles egal, wenn wir drei zusammen sind, selbst wenn wir auf einer Matratze in einem feuchten Kellerraum liegen?

Später am Abend, Eure Oma parkt das Auto vor unserem Haus. Sie ist mit Euch und mir nach Berlin gefahren, während die Taufgesellschaft neben Fackeln an Biertischen klönt. Als ich Dich, Elli, aus Deinem Kindersitz hebe, glühst Du so sehr, dass ich das Gefühl habe, mir die Finger an Dir zu verbrennen. Wie in Zeitlupe öffnest Du die Augen, starrst apathisch ins Leere – und machst mir Angst. Ich rufe Kinderkrankenschwester Cathleen an. „Ich hole Euch ab“, sagt sie, „wir fahren in die Klinik.“

***

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Premiere: zum ersten Mal in Eurem Leben gab’s Fiebersaft, Zäpfchen und echte Nasentropfen

Kleiner Zeitsprung: es ist Mittwochmittag. Ich sitze in meinem Lieblingscafé, vor mir steht ein Erdbeer-Bananen-Smoothie, Ihr schlummert im Buggy, während ich diese Zeilen schreibe. Wir haben drei ziemlich harte Tage und Nächte hinter uns, und Ihr scheint noch ein bisschen verkatert zu sein von dem Medikamenten-Cocktail, den ihr in den vergangenen 100 Stunden bekommen habt (bislang gab’s nämlich ausschließlich pflanzliche Mittelchen); aber im Grunde ist alles wieder in Butter. Ich atme bewusst tief durch, das erste Mal seit Samstag.

Gestern waren wir nochmal beim Kinderarzt. Er ist Homöopath und einer dieser Menschen, die man auf Anhieb so nett findet, dass man sie gern als Familienmitglied adoptieren würde. Seine Praxis ist eine Altbauwohnung mit Eames-Stühlen auf Knarz-Dielen, und bei Terminen nimmt er sich immer so viel Zeit, dass es einem fast unangenehm ist.

Nachbesprechung Eurer Krankheit. Ich frage, ob der große Trubel schuld sein kann. „Hochzeiten, Taufen und Todesfälle sind Extremsituationen, die man meistens unterschätzt“, sagt er. Aber Auslöser für einen fiebrigen Infekt? Nein, beruhigt er mich, das hätten Eure Körper schon vorher ausgebrütet. Die Taufe sei doch nur einmal im Leben und solle ruhig groß gefeiert werden.

Dann aber sagt er etwas über Euch, das mich schmunzeln lässt: „So wie ich Elli und Theo kennengelernt habe, sind sie gern ,Bestimmer‘, und das meine ich nicht, weil Sie Ihnen keine Grenzen setzen, sondern weil es ihrem Wesen zu entsprechen scheint. Vielleicht haben sie am Samstag gespürt, dass sie die Großlage nicht im Griff haben – und diese Art des Auswegs gewählt.“

Diese These fand ich irgendwie schön. Meine selbstbestimmten, 13 Monate alten Superbabys! So ärgerlich das alles auch war: Ihr habt auf jeden Fall dafür gesorgt, dass dieser Tag in Erinnerung bleibt. Und dass die Verwandtschaft Euch auch in 20 Jahren noch erzählt, wie schön das Fest war, das Ihr als Gastgeber im wahrsten Sinne verpennt habt.

Ich bin froh, dass Ihr wieder gesund seid! In Liebe,

Eure Zwillimuddi

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