„Mama, ist trennen ganz ganz schlimm…?“ – 2018, mein Jahr der Tränen

Liebe Elli, lieber Theo,

ich sitze im Flieger gen Westen der Republik, um Euch bei Oma abzuholen, wo Ihr nach Weihnachten ein paar Tage Urlaub gemacht habt – und werde jetzt endlich diesen Brief zu Ende bringen, den ich so oft begonnen (und wieder vernichtet) habe wie keinen anderen Brief an Euch. Nie sind mir die Zeilen an Euch so schwer gefallen, nie wusste ich weniger, wie ich anfangen, wo ich aufhören soll.

Vielleicht starte ich mit einem Schlüsselmoment, mit einer dieser Situationen, die sich in den vergangenen Monaten eingebrannt haben in meinem Kopf, auf meiner Seele: 

Es war an einem grauen Herbsttag nach der Kita, wir saßen im Auto und fuhren nach Hause, als Ihr mich fragtet, ob ich eigentlich auch weinen könne. Die Frage war eine von etwa 227 auf diesem Heimweg, nichts außergewöhnliches, weil Ihr inzwischen vier und damit in einem Alter seid, in dem naturgemäß vom kleinsten Pups („stinken die weniger, wenn sie leise sind?“) bis zu den großen Glaubensthemen („Wieso sind die Eltern von Anna und Elsa im Himmel, wenn sie doch mit dem Schiff untergehen?“) ALLES hinterfragt werden muss und Antworten wichtigeres Futter zu sein scheinen als das morgendliche Müsli. Kein besonderer Hintergrund also vermutlich, die Tränen-Frage, und dennoch traft Ihr ins Schwarze, und zwar volle Kanne.

Ich würde mal mutig behaupten, dass mindestens 9 von 10 Menschen in meinem Umfeld mich als tendenziell fröhlichen Menschen beschreiben würden – und auch Ihr kennt mich nahezu ausschließlich gut gelaunt (von vereinzelten alltagsbedingt-muddi-typischen Mecker-Anfällen mal abgesehen). Deshalb war Euer Interesse zu dieser Sache nachvollziehbar, ich war im ersten Moment sogar tatsächlich fast etwas erleichtert, dass Ihr das wissen wolltet, denn das hieß: Ich hatte es hingekriegt, das Schauspiel in den vergangenen Monaten. Euch die muntere Mama vorzuspielen, und meinen Kummer von Euch fern zu halten.

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Das ist echt. Entstanden an einem dieser Heul-Abende im Herbst 2018, fotografiert von einer Tröste-Freundin, die mir versprach, dass ich über dieses Gruselfoto irgendwann lache. (Liebes Christkind, ich hätte dieses Jahr wasserfeste Mascara brauchen können.)

Die Wahrheit ist: Dieser heißeste Sommer aller Zeiten, der hinter uns lag, war vielleicht auf den Feldern dieses Landes der trockenste, in meinen Tränenkanälen aber war das Gegenteil der Fall. Wenn Ihr es genau wissen wollt: Es vergingen seit dem 25. Juni 2018 bis heute nicht besonders viele Tage, an dem ich nicht mindestens ein bis zwei „Ströphchen“ heulte, wie Eure Oma es gern formuliert. Meist ließ ich die Tränen abends raus, wenn ich sicher sein konnte, dass keins der vier Zwilli-Äuglein sich so schnell wieder öffnen würde. Aber auch tagsüber überfielen sie mich immer wieder: an der Supermarkt-Kasse, beim Joggen, am Steuer im Auto, bei der Arbeit. Nicht nur einmal verzog ich mich auf die Redaktions-Toilette, um dort zumindest mal zwei Minuten kontrolliert abzuschluchzen, immer nur so leise, dass der laufende Wasserhahn mich zu übertönen in der Lage war.

„Ja klar kann ich weinen“, antwortete ich also, deutlich lockerer als ich mich fühlte – aber damit war ich längst nicht entlassen. „Und wie sieht das dann aus, wenn Du weinst? Kannst Du uns das mal zeigen? Wann weinst Du denn, Mami? Wenn Du krank bist? Dir was wehtut? Oder wenn Dir jemand etwas wegnimmt?“

Während sich in meinen Augen die nächste Jahrhundertflut ankündigte, die Straße, alles um mich herum immer unschärfer wurde, dachte ich an die Wahrheit, und fragte mich, ob es nicht klug sei, mich einfach umzudrehen, und es Euch zu sagen:

„Guckt mal, ich weine JETZT gerade. SO sieht das aus. Ich weine, wenn ich traurig bin, und das bin ich leider seit Wochen ziemlich oft. Weil ich in den letzten zwölf Jahren davon ausging, dass Euer Papi und ich eines Tages alt und schrumpelig auf der Veranda im Schaukelstuhl sitzen, zusammen Wein trinken, unseren Enkeln beim Spielen zuschauen. Doch das wird leider nicht passieren, jedenfalls werden wir nicht als altes Ehepaar dort sitzen. Wisst Ihr: Papi und ich trennen uns nämlich.“

Stattdessen antwortete ich, was Mütter halt so antworten, lenkte mit Peppa, Conni & Co. ab, schluckte den Rest samt Tränen herunter, kochte Euch zu Hause Grießbrei mit extra-viel Zimt – und verstand endgültig, dass es an der Zeit war, mit Euch zu reden. Das hatte Euer Papa längst tun wollen. Ich aber hatte mich gesträubt: anfangs, weil ich das Ende selbst noch nicht realisierte, wie sollte ich es dann EUCH vermitteln? Dann, weil ich es noch nicht für nötig hielt, wo doch aus Eurer Sicht noch alles so war wie immer. Und irgendwann wurde es kompliziert: Denn wenn man beginnt, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, Ratgeber liest und Freunde hört, fragt man sich irgendwann, ob es überhaupt einen richtigen Weg gibt, Kindern diese Botschaft anständig zu verklickern. Bei all den Fehlern, die man machen kann, bei all den Wunden, die man aufreißen kann. Wunden, die vielleicht nie heilen.

Glaubt mir: Ich weiß als Scheidungskind, wovon ich spreche. Und das ist einer der vielen Gründe, wieso ich genau das nie wollte: WIR würden Euch das NICHT antun. WIR würden unsere Ehe pflegen, um zu verhindern, dass Ihr zwischen den Stühlen aufwachsen müsst. Wir würden uns dieser „Wegwerfen-Neukaufen“-Gesellschaft widersetzen, und nicht gleich alles hinschmeißen, wenn es mal Probleme gibt.

Ich bemitleidete Paare, die das taten, und dachte in einem Atemzug immer, leicht überheblich: MIR, UNS würde das garantiert nicht passieren. Ich würde kämpfen, und (natürlich mit Erfolg) alles dafür tun, um Euch ein Aufwachsen in einer intakten Familie zu ermöglichen, mit Mama UND Papa, nicht ODER. Außerdem waren wir doch glücklich. Eigentlich.

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Gelati beim Jazz-Open-Air, im Hintergrund der Lago: an diesem Abend ahnte ich nicht, dass 48 Stunden später alles anders sein sollte

Und dieses „eigentlich“ ist der Knackpunkt: Ende Juni explodierte – auf einer langen Autofahrt vom Lago Maggiore nach Berlin – eine ziemlich dicke Bombe zwischen Eurem Papa und mir. Nachdem raus war, was rausmusste, setzten wir uns in den Garten, tranken weinend Weißwein bis die Vögel zu zwitschern begannen. In den kommenden Wochen redeten und redeten wir. Vielleicht mehr als wir es je getan hatten, vielleicht zu viel, zu ehrlich, zu schonungslos. Die Details erläutere ich Euch bei Zeiten gerne persönlich, hier nur so viel: Mit jedem Tag wurde klarer, dass der Knall nicht nur ein Warnschuss war und die Summe der Splitter zu groß. Es lagen zu viele Scherben am Boden, und wir konnten darüber nachdenken, wie wir sie zur Seite fegen – aber eine Reparatur erschien trotz aller großen Vorsätze immer unmöglicher.

Wisst Ihr: Im Grunde waren Papi und ich immer ein ziemlich gutes Team. Ich tippe mal, dass Ihr uns in Euren vier Lebensjahren vielleicht drei Mal streiten saht – und tatsächlich schafften wir es auch in den Wochen nach dem großen Knall, in sehr vielen Situationen ziemlich nett miteinander umzugehen, und zwar sowohl vor anderen und vor Euch, aber auch in trauter Zweisamkeit. Selbst als klar war, dass die Trennung unausweichlich ist, schliefen wir weiter nebeneinander im Bett, sahen sonntags zusammen Tatort, gingen ab und an zu Zweit zu unserem Lieblingsitaliener, mit Euch Eis essen, und brachten damit manche Stirn im Freundes- und Verwandtenkreis zum runzeln: Wieso wir denn nicht endlich einen Schlussstrich ziehen würden? Sei ein Ende mit Schrecken nicht einem Schrecken ohne Ende vorzuziehen?

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Barcelona war lange vor der Trennung geplant, also zogen wir es durch. Ging anfangs ganz gut, wie hier im Soho. Später dann nicht mehr so.

Ehrlich gesagt: Eigentlich war es gar nicht so ein Schrecken ohne Ende, sondern eher ein langsames, sanftes Abgewöhnen des alten Lebens – bis September jedenfalls. Da wurde es – nach 24 gemeinsamen Stunden in Barcelona, die schon ewig lang geplant waren – doch noch mal etwas hakelig; vermutlich ist das aber auch ziemlich normal, wenn man ein Drittel seines Lebens mit jemandem verbracht hat, und klar wird, dass dieser Mensch künftig zumindest auf einer gewissen Ebene zu verschwinden droht. Papi nahm sich eine kleine Wohnung.

Und dann war er da, der Moment, in dem wir es Euch sagten.

Ich kann mich nicht an viele Momente in den vergangenen Jahren erinnern, die emotional herausfordernder waren als die Stunde vor unserer „Beichte“ bei Euch. Vermutlich werde ich nie vergessen, wie ich heulend und am Rande eines mittelschweren Nervenzusammenbruchs im Bad stand, Euer Papi reinkam, mich in den Arm nahm und „Wir packen das jetzt zusammen“ sagte. Tatsächlich waren in diesem Moment die Hakeligkeiten passé. Wir deckten den Abendbrottisch, schmierten Euch Leberwurst und diese Botschaft aufs Brot, die alles verändern würde – und Euch erschreckend kalt ließ.

Unsere Therapeutin hatte uns geraten, Euch nicht das zu sagen, was nicht mehr ist. Einer der gröbsten Fehler, hatte sie erklärt, sei der Satz: „Mama und Papa haben sich nicht mehr lieb“ – weil Kinder schnell zu der Annahme kämen, dass ihnen das ja dann auch passieren könne, dass sie auf einmal nicht mehr so lieb gehabt werden. Stattdessen sollten wir erklären, was Stand der Dinge ist – und Euch so klar wie möglich formulieren, was das konkret für Euch bedeutet. Also erzählten wir, an welchen Wochentagen ER Euch in die Kita bringen würde, an welchen ICH da bin – und von dem kleinen Apartment in der Stadt. „Gibt es da auch ein Bett?“, war Eure erste Reaktion, und dann: „Welche Farbe hat das denn?“

Das Gute ist: Wenn man sich Monate lang das Worst-Case-Szenario für diese Situation vorstellt, kann es eigentlich nur besser werden. Aber DAS? Das schien mir fast ZU leicht. „Sie verstehen es nicht“, zischte ich Eurem Papi in unserer Noch-Geheimsprache (Englisch) zu, und legte nochmal nach mit Erklärungsversuchen – als Du, Theo, mir mit einer kindlichen Knallhart-Zusammenfassung den Boden unter den Füßen wegzogst:

„Mama, Emmas Eltern sind doch auch getrennt“, sagtest Du, und nahmst Dir noch ein Stück Gurke. Hattest Du, als vierjähriger Junge, gerade das zusammengefasst und ausgesprochen, was Papi und ich uns nicht zu sagen trauten? Das Wort „Trennung“ hatten wir – ebenso wie das Thema Schuld – eigentlich vermeiden wollen, jetzt lag es auf dem Tisch, sah uns achselzuckend vorwurfsvoll an und drohte mein Herz zu zerfetzen. „Ja, stimmt“, sagte ich nur, verschwand „ich-hole-neuen-Apfelsaft“ nuschelnd in der Küche, um wieder atmen zu können.

In den kommenden Tagen war Euer Verhalten herrlich-beängstigend unauffällig: morgens gut gelaunt, nachmittags ein bisschen aufgedreht und/oder groggy vom Kita-Alltag, abends kuschelig. Fünf Tage allerdings später lagen wir zu Dritt im Bett. „Ma-ma?“, fragtest Du, Elli, „ist trennen ganz ganz schlimm?“

Dieses Mal schaffte ich es nicht, den XXL-Kloß, der plötzlich in meinem Hals steckte,  wegzulächeln. Ich sprach dem defekten Nachtlicht gedanklich ein kurzes Dankesgebet zu, während dinosaurierfette Tränen in der Dunkelheit die Bettdecke wässerten. „Sich zu trennen ist traurig“, antwortete ich mit nicht besonders fester Stimme, „Aber nicht ganz ganz schlimm, vor allem nicht für Euch. Papi bleibt immer Euer Papi, ich bleibe immer Eure Mami, und wir trennen uns, damit wir unser Leben lang Freunde bleiben und für Euch da sein können.“ Ich referierte noch ein bisschen weiter, bis ich bemerkte, dass Ihr beide bereits leise schnurrend eingeschlummert wart.

Vielleicht, dachte ich erleichtert, ist es gut, dass Ihr noch so klein seid. Vermutlich, dachte ich traurig, werdet Ihr Euch irgendwann gar nicht richtig an die Zeit erinnern, in der Papi und ich noch ein Liebespaar waren. Wahrscheinlich, dachte ich nüchtern, sind Scheidungen heutzutage selbst für Vierjährige so normal, dass das klassische Vater-Mutter-Kind-Modell aus Eurer Perspektive gar nicht das einzig Wahre ist: Dass Euer Cousin und Eure Cousine so etwas wie einen Zweitpapa haben, unsere schwulen Freunde geheiratet haben, obwohl keiner von ihnen eine Frau ist und Eure Freundin Polly mit ihrer Mama alleine lebt – das alles sind für Euch eben genauso normale Konstellationen, denn all diese Menschen kommen schließlich genauso gut (oder genauso schlecht) durchs Leben wie andere.

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So ne Mütze zum Verstecken hätte mir dieses Jahr auch ab und zu ganz gut getan.

Und trotzdem war mein großer Plan ein anderer. Im Dezember wurde mir das noch schmerzlicher bewusst als in den Sommer- und Herbstmonaten zuvor. Normalerweise bin ich der größte Weihnachtszeitfan der Welt – dieses Mal war mir jeder Glühweinstand zu kitschig, jeder Adventssonntag zu einsam und unfamiliär, jedes verdammte „Last Christmas“ im Radio zu emotional. Heiligabend dann die volle Dröhnung: wir blieben bewusst zu Viert zu Hause, und diese alte Konstellation fühlte sich zwischendurch für Bruchteile von Sekunden so normal, als sei nie etwas passiert. Ihr spieltet mit der neuen Puppe und dem ferngesteuerten Auto, wir aßen köstlichen Weihnachtsbraten à la Papi, wir machten ein Weihnachtsfoto zu Viert, auf dem wir nicht minder glücklich strahlen als 2017, und im Hintergrund funkelte der Tannenbaum, den Euer Vater und ich zusammen geschmückt hatten. Als Ihr im Bett wart, vergossen wir ein paar Tränen zusammen, tranken noch einen Schluck von dem guten Rotwein – und gingen schlafen. Er im Gäste-, ich im Schlafzimmer. Wie hart, wie traurig, wie deprimierend Harmonie doch sein kann, wenn die Realität bzw. das Ende vom Lied im besten Fall von Dissonanz, im schlimmsten von Leere, Stille geprägt ist.

Jetzt ist das Jahr nur noch wenige Stunden alt, und ich wünsche mir eigentlich nichts mehr, als dass dieses komische 2018 jetzt bitte so schnell wie möglich vorbei geht. Gleichzeitig habe ich so viele Fragen wie nie zuvor in meinem Leben:

Ist es Mist, Euch gute Laune vorzuspielen, wenn ich traurig bin? Wie viel Wahrheit ist gut für Euch? Würde es Euch überfordern oder zumindest irritieren, mich doch mal heulen zu sehen? Oder gehört es dazu, Euch nicht nur das zu zeigen, sondern dann irgendwann auch, dass nach Regen auf jeden Fall eines Tages wieder Sonne kommt? Ist es kontraproduktiv, auch weiterhin Familienaktivitäten einzuplanen? Oder vermittelt es Euch Sicherheit? Hätte es einen Punkt gegeben, an dem Euer Papi und ich diese Familie hätten retten können? Wie lange tut es noch weh?

Das sind acht von etwa achthunderttausend. Zum Glück gibt es aber auch ein paar Antworten, jeden Tag ein paar mehr.

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Mein Motto für 2019. Wir werden einfach sehr viel Limo trinken.

Knapp vier Wochen nach dem großen Knall lief ich auf der Tartan-Bahn meines Vertrauens wie eine Irre im Kreis. Ich hatte in den vergangenen Wochen kaum etwas essen können, dafür zu viel Wein getrunken und dazu sogar geraucht, vermutlich mehr als in meinem ganzen Leben zuvor (vergesst das wieder und macht es in Gottes Namen nicht nach, normalerweise passiert mir das nur ausnahmsweise auf Partys und so). Nach Runde 15 quatschte mir die Runtastic-Stimme ins Ohr, dass ich gerade dabei war, meine Bestzeit zu laufen: erstmals sechs Kilometer in unter 30 Minuten. Diese Krise weckte seltsamerweise Energien in mir, deren Existenz mir vorher nicht bewusst war. In meinem Leben war sehr vieles sehr glatt gelaufen – und es tat gut, zu sehen, dass ich auch diesen rumpeligen, schmerzhaften Umweg hinkriegen würde.

Kurzum: 2019 wird anders. Es wird ein Neustart, und am Ende wird es ganz sicher irgendwie gut werden. Im Moment befinde ich mich noch im freien Fall, und es gibt Dinge, die ich jetzt mit mir selbst ausmachen muss. Aber ich werde weich landen, und das ist ein gutes Gefühl. Denn da unten stehen sehr viele liebe Menschen, die mir in diesen Wochen durch Worte und Taten immer wieder zeigen, dass sie mich auffangen – und auch jemand, der mir deutlich wichtiger ist als ich es in den vergangenen zwei Jahren wahr haben, zulassen wollte. Verrückterweise ist ausgerechnet Euer Papa derjenige, der mich darauf mit seinem Verhalten und bestimmten anderen Dingen (die ich Euch wie gesagt lieber persönlich erzähle) erst gestoßen hat.

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Unser erster Malle-Urlaub ohne Papi. Tagsüber strahlte ich, abends heulte ich Eurem Opa die Ohren voll, fragt nicht nach Sonnenschein.

Ich habe diesen Sommer, diesen Herbst sehr bewusst mit Euch verbracht, wir haben Urlaube zu Dritt und tolle Ausflüge gemacht, und auch er ist für Euch da, wenn es drauf ankommt. Ja: wir reißen Euch mit diesem Sprung in gewisser Hinsicht mit in die Tiefe – aber wir halten Eure Hände dabei. Und auch wenn wir da unten auf zwei verschiedenen Felsen landen werden, werden wir es langfristig hinkriegen, unsere Coolness aus den ersten Wochen zurückzugewinnen, damit Ihr Euch auf seinem wie auf meinem Felsen zu Hause fühlt, und die Brücke dazwischen eine kurze sein wird.

Nochmal zu Deiner Frage, Elli: Trennen ist (Entschuldigung!) scheiße, richtig scheiße. Aber „ganz ganz schlimm“ sind tatsächlich andere Dinge. Vor ein paar Wochen habe ich eine der traurigsten Geschichten aufgeschrieben, die ich in den inzwischen immerhin 15 Jahren als Reporterin je gemacht habe. Wir waren zu Besuch bei einer Familie aus Nürnberg, bei denen noch bis vor 20 Monaten die Welt komplett in Ordnung war. Im März 2017 ging Papa Andy mit Tochter Lina, damals 6, wegen eines Schnupfens zum Kinderarzt – der schickte sie sofort in die Klinik. Noch in der Nacht diagnostizierten Ärzte einen Gehirntumor. Neun Monate später starb das Mädchen in den Armen ihrer Mama.

Keine 24 Stunden vorher traf ich eine Frau aus Norddeutschland, deren Tochter vor einigen Jahren ermordet wurde. Sie stand mir gegenüber, und erklärte mit Tränen in den Augen und einer beeindruckenden Ausstrahlung zugleich, dass sie dankbar sei für das, was sie in der Vergangenheit hatte – und nicht verbittert über das, was die Gegenwart ihr nicht mehr bietet.

Diese Begegnungen machten meine, unsere Probleme so klein. Ich schämte mich für all die Tränen, die ich in den vergangenen Monaten aus Liebeskummer vergossen hatte. Was ist schon eine Trennung, gegen all das.

Wir haben Dich, Elli, und Dich, Theo – Ihr seid gesund und großartig. DAS ist das, was zählt. Diese größte aller Lieben, die Liebe zu Euch, wird nie vergehen, so viel steht mal fest. Und die zu Eurem Papi auf einer gewissen Ebene auch nicht. Weil es ohne ihn eben das Beste, was mir je passiert ist, nicht geben würde: EUCH.

Alles andere (und das versichere ich Euch jetzt ebenso wie mir selbst) kriegen wir hin. Versprochen. Und jetzt müssen vielleicht doch nochmal die Ströphchen des Tages raus.

Eure Zwillimuddi

P.S.: Das Schicksal ist übrigens ein Scherzkeks. Vor fünf Jahren schrieb ich als Ghostwriterin die Biografie einer ziemlich tollen Frau auf. Der Fokus lag auf ihrer Beziehung, die nach (ausgerechnet!) zwölf Jahren scheiterte. Vor ein paar Wochen fiel mir das Buch das erste Mal seit Jahren durch Zufall wieder in die Hände. Ich blätterte es durch, las es quer – und traute meinen Augen kaum. Unfassbar viele der Gedanken, die ich damals für diese andere Frau aufschrieb und längst wieder vergessen hatte, gehen mir heute selbst durch den Kopf. Das Buch hieß „K.O. nach zwölf Runden“. Und jetzt bin ich selbst genau das: K.O. nach zwölf Runden. 

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2 Gedanken zu “„Mama, ist trennen ganz ganz schlimm…?“ – 2018, mein Jahr der Tränen

  1. Hui, das reißt mich herum. Warum ist traurig Sein und es auch zeigen so schlimm?
    Gerade heute las ich die Botschaft von David Steindl Rast, der einlud sich der Dunkelheit auszusetzen bis tief ins Dunkel hinein (zugegeben es bedarf etwas Mut dazu), um dann mitten im Dunkel das Licht aufleuchten zu sehen. Nimmt man sich mit dem Coolsein nicht auch die Möglichkeit dies zu erfahren? Nimmt man nicht auch den eigenen Kindern die Chance zu erfahren, dass auch Eltern untröstlich traurig sein können und dass sie einen Weg finden können aus diesem Schmerz heraus. Alles Gute, Live is good! Gott segne Sie.

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  2. Ich wünsche Dir und Euch alles Gute. Solange die Eltern es schaffen, miteinander zu reden und respektvoll miteinander umgehen, ist es für die Kinder kein großes Problem. Wir haben uns vor nun 7 Jahren getrennt, die Kinder waren 3 und 4 Jahre alt – seitdem sind sie eine Woche bei ihm und eine Woche bei mir im Wechselmodell. Klappt gut, wird von keinem Kind oder Elternteil angezweifelt. Weihnachten, Einschulung etc wird zusammen gefeiert. Und wir sind beide wieder verheiratet, verstehen uns mit den neuen Partnern gut, ich habe noch ein Kind bekommen. Unsere Kinder haben es genauso ‚trocken‘ aufgenommen wie Eure. Eine Kindergartenmutter sprach mich an, sie würde unsere Trennung belasten – ihr Kind hat sie nämlich gefragt, wann sie Papa verlässt, damit es auch 2 Zimmer, mehr Spielzeug und mehr Exklusivzeit mit dem Papa hat. So haben unsere Kinder das also empfunden 😂
    Natürlich wünschen sich die Kinder, daß alle zusammenbleiben, oder zumindest im Haus nebendran und fragen in den kommenden Jahren immer mal wieder, warum…Das erste Jahr empfand ich als schlimm, ich habe die leeren Kinderzimmer kaum ertragen. Aber hilft ja alles nichts, wenn man den Vater nicht mehr liebt und unglücklich ist. Auch das können Kinder lernen und wie man dafür später umso aktiver und bewusster an einer Beziehung arbeiten kann.
    Ihr habt einen guten Anfang gemacht, Ihr bekommt den Rest auch im besten Interesse Eurer Kinder und in Eurem Interesse hin ♥

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