Tschüss Kummer! Meine fünf Lichter am Ende des Tunnels

Liebe Elli, lieber Theo,

ich sitze im weltschönsten Garten, in dem ich vor knapp zwei Jahren mal alt zu werden plante, die Vögel liefern sich da oben in den Baumkronen ein chartreifes „Germanys-next-top-bird“-Finale, während kein Nachbar nicht zu grillen scheint, es riecht nach Kohle und Koteletts, und die Abendsonne taucht unsere heute flamingopink gestrichenen Holzpaletten für die neue Terrasse in ein Licht, das kein Instagram-Filter besser hinbekommen würde.

Es ist Anfang Juni, aber warm wie August, vor ein paar Minuten hat Papi Euch abgeholt, und ich wollte eigentlich die ersten Umzugskisten packen, werde Euch vorher aber endlich mal wieder ein paar Zeilen schreiben.

In wenigen Wochen jährt sich das große Beben zwischen Eurem Papi und mir, und die Vorstellung, dass die Welt jetzt vor einem Jahr noch eine komplett andere für mich war und ich nicht einmal im Ansatz ahnte, wie tief dieses emotionale Tal, wie verheult die folgenden Monaten werden würden, ist ziemlich komisch. Neben dem Zeit-heilt-alle-Wunden-Gedöns, das man in Zeiten des Kummers nicht hören will, gab es auch immer wieder Menschen, die sich (aus damaliger Sicht) erdreisteten, sich auch noch zeitlich festzulegen und mir prophezeiten, dass ich „jetzt in einem Jahr“ schon alles mit ganz anderen Augen sehen würde – und ganz sicher wieder glücklich sei. Ich verfluchte sie, aber was soll ich sagen: Sie hatten Recht. Ein bisschen jedenfalls.

Tatsächlich fühlt es sich gerade so an (verzeiht mir die nur mittel-einfallsreiche Metapher), als würde mein Zug des Lebens langsam, aber sicher das Ende dieses Tunnels erreichen, der der vermutlich düsterste war, durch den ich je gefahren bin. Ich sehe und fühle das Ende nicht erst seit gestern, aber jetzt scheint es erstmals so richtig zum Greifen nah. Es ist da, ich muss einfach weiter geradeaus fahren – diesen Lichtern entgegen, von denen es zum Glück wieder ziemlich viele gibt.

Die fünf wichtigsten möchte ich Euch in diesem Brief aufschreiben.

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Euch beeindruckt er u.a. damit, dass er gut Drachen fliegen lassen kann. Mich mit so 239405 anderen Dingen.

EINS: DER MANN, DER NICHT KÖRNI SEIN WILL. Seit Monaten wehrt er sich mit Händen und Füßen dagegen, so genannt zu werden. Dass er diesen (jawohl tollen!) Spitznamen, den mein Telefon mal versehentlich so ähnlich zu seiner Nummer abspeicherte, derart verschmäht, ist aber auch schon das Negativste, das ich über ihn behaupten kann. Im letzten und vorletzten Brief erwähnte ich ihn ganz am Ende, obwohl er in meinem und auch Eurem Leben inzwischen eine nicht mehr wegzudenkende Rolle in vorderster Front spielt und ehrlicherweise maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass diese verfluchten Vorhersagen tatsächlich wahr wurden. Eure 90-jährige Uroma brachte es neulich äußerst charmant auf den Punkt, als sie ihn kennenlernte: „Da hast Du ja nochmal Glück gehabt.“ (Dieser Satz ist nur dann lustig, wenn man sie kennt, denn dann versteht man auch ihren süffisanten Blick dazu, und dass sie am liebsten „…dass Du in Deinem fortgeschrittenen Alter noch einen abbekommst“ ergänzt hätte). Verrückterweise kenne ich „Körni“ (ich versuche es weiter) schon seit exakt dem Sommer, in dem ich Euren Papi heiratete und wahrlich andere Dinge im Kopf hatte. Vor knapp drei Jahren trafen wir uns auf einer Party wieder und beschlossen im Anschluss ca. 27 Mal (und davon mindestens 26x ernsthaft), uns verdammt nochmal nicht mehr als nur nett zu finden. Manchmal entfällt es mir für einen Sekundenbruchteil, dass aus ihm und mir jetzt ein „wir“ geworden ist, dass dieses „mehr“ nun nicht mehr verboten, sondern allmählich sogar offiziell ist. Ich merke öfter als mir lieb ist, wie vorsichtig, wie verletzlich ich (nach allem was passiert ist) so bin, und die neue Situation ist nach wie vor nicht immer nur leicht. Aber unterm Strich fühlt es sich ziemlich gut an – jeden Tag besser, um genau zu sein. Denn Schmetterlinge im Bauch können offenbar Klöße im Hals fressen, und da von erstgenannten reichlich da sind, werden letztere mit großer Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft restlos aufgefuttert und somit eliminiert sein.

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Berliner Villa Kunterbunt. 18 Monate verbrachten wir hier, jetzt sind die Tage gezählt. Nächste Woche ziehen wir um.

ZWEI: DAS SCHICKSAL, DER SCHLAUMEIER. Hier beschrieb ich es als Scherzkeks, tatsächlich aber ist das Schicksal auch ein ziemlicher Schlaumeier. Ich erzähle Euch eine kurze Geschichte: Im September 2017 fanden Papi und ich nach jahrelanger Suche endlich ein Haus, das nicht nur finanziell so gerade eben im Rahmen des nicht komplett Unmöglichen lag, sondern für mich Liebe auf den ersten Klick war. In der Sekunde, in der ich das Exposé des Maklers (den ich durch einen lustigen Zufall beim Joggen kennenlernte) öffnete, wusste ich: DAS war es. DAS wollte ich haben. DAS war es, was wir gesucht hatten. Wisst Ihr: Wenn ich etwas wirklich haben will, kann ich nervig werden. SEHR nervig. Ich bombardierte den Makler, der angeblich bereits 43 weitere Anfragen hatte, nicht nur mit Anrufen, Mails und SMS, sondern auch mit diversen Sprachnachrichten per WhatsApp, die sein Handy sprengten. Schrieb den Eigentümern des Hauses Liebesbriefe in roter Schrift und versicherte ihnen auf mehreren DIN A4-Seiten, wieso wir (und nur wir!) die perfekten Käufer seien, überredete parallel eine Bank, uns diesen dann ja doch „etwas“ höheren Betrag zu leihen. Es klappte. Wir unterzeichneten eine Kaufpreisvereinbarung verabredeten uns mit den Eigentümern beim Notar. Wenige Tage vor diesem Termin aber traten die Menschen, mit denen wir wochenlang über den Verkauf ihres hübschen Hauses gesprochen hatten, zurück. Erklärten plötzlich, dass sie es sich anders überlegt hätten, möglicherweise doch nach ihrem Jahr in Australien wiederkämen. Ich konnte es nicht fassen. Klammerte mich an jeden Funken Hoffnung, tütete am Ende ein „Mietkaufmodell“ ein: Wir zogen trotzdem ein – als Mieter. Mit dem Deal, einen Teil der Miete auf den Kaufpreis anzurechnen, sollten sie doch an uns verkaufen wollen. Ich war sauer damals, wütend, enttäuscht, konnte an das everything-happens-for-a-reason-Ding nicht mehr glauben. Jetzt kann ich es wieder. Wir haben nicht nur nicht diese fünfstellige Makler-Courtage in den Wind geschossen, sondern jetzt auch keinen Klotz am Bein, den keiner dem anderen je hätte auszahlen können. Es sollte nicht sein – und manchmal erkennt man genau das eben erst sehr viel später.

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Dass Ihr Hamburg ziemlich gut findet, entschiedet Ihr an diesem Frühlingstag, als wir von der Elphi Schiffe guckten.

DREI: DIE PERLE, DIE SCHÖNE. Es wird mir trotz der unter zwei genannten Erkenntnis nicht leicht fallen, aus diesem meiner Meinung nach noch immer schönsten Holzhaus der ganzen Stadt auszuziehen. Mein ganzes Leben lang wird mich die Farbe petrol an diese eineinhalb Jahre hier erinnern, und vor allem der oben ebenfalls bereits erwähnte, großartige Garten mit der Hängematte zwischen den zwei Apfelbäumen wird mir fehlen. Klar ist aber auch, dass etwas Neues her muss, weil Zweidrittel der Zeit hier ein ganz schön bitteres Geschmäckle hinterlassen. Und da ich kein Fan von halben Sachen bin, wird es nicht nur ein anderer Bezirk, sondern gleich eine andere Stadt: Wir ziehen nach Hamburg, die zwar nicht (wie ja immer so viele von sich selbst behaupten) meine Perle ist, aber immerhin habe ich hier vor einem guten Jahrzehnt mein Volo gemacht und weiß deshalb zumindest, dass dieser schönste-Stadt-der-Welt-Superlativ nicht ganz an den Haaren herbeigezogen ist. Wir fangen neu an, in einem Haus, das im Gegensatz zu diesem hier zwar farbtechnisch nur auf der Langeweile-Skala eine 10 gewinnt, dafür aber zwischen Badesee und Abenteuerspielplatz und damit in einem Zwilli-Paradies liegt, und zu Elphi und Co. kommt man auch ganz gut mit der U-Bahn. Zwölf Jahre lang habe ich in Berlin verbracht, ein Drittel meines Lebens, und nach wie vor liebe ich diese Stadt. Trotzdem gehe ich in Frieden und mit voller Vorfreude auf Hamburg. Wir werden auch weiterhin oft in unserer alten Heimat sein, weil Ihr Papi ganz oft besuchen werdet und ich regelmäßig in Berlin arbeiten werde. Und das (aus Eurer Perspektive vermutlich) Beste: Eure Sammlung der Gratis-Spielzüge aus dem Bordbistro wird vermutlich demnächst ein halbes Zimmer füllen.

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Ausgehen kann man mit ihr ungefähr genauso gut wie abgammeln. Von letzterem sind unsere Bilder nur minimal unvorteilhafter.

VIER: ANNE. Ich erwähnte ja bereits, dass ich dieses Netz an Freunden und Familienmitgliedern, das mich in den vergangenen Monaten auffing, unfassbar zu schätzen weiß. Da waren die, die mir wortlos Taschentücher reichten, die mir goldene Milch vorbeibrachten, die mich mit Ausflügen ablenkten oder bekochten, die mir prickelnde Dinge und reinen Wein einschenkten und/oder einfach da waren und mir versprachen, dass alles gut wird. Ich bin jedem einzelnen dieser Menschen dankbar, für so unterschiedliche Dinge – eine aber muss ich hier jetzt mal gesondert erwähnen, weil ich, wäre da nicht Nummer Eins in dieser Liste, diese Person vermutlich gerne asap heiraten würde. Anne ist sozusagen ein Neuzugang in meinem Freundeskreis, der ja zum Großteil aus Menschen besteht, die ich schon sehr lange kenne. Ich mag sie schon lange, aber in der Vergangenheit hätte ich sie eher als gute Bekannte bzw. liebe Kollegin bezeichnet. Seit fast einem Jahr aber hat sie nicht nur als erste Freundin überhaupt eine Zahnbürste für spontane Übernachtungsbesuche in meinem Badezimmerschrank, sondern auch tiefere Einblicke in mein Seelenleben als die meisten anderen Menschen, weil ich ihr vertraue wie kaum einem anderen Menschen. Mal abgesehen davon, dass sie klug und tiefgründig und emphatisch und einfühlsam und witzig und wunderschön ist, ist sie eine Freundin, wie man sie sich in keinem Bilderbuch besser malen könnte. So eine, bei der man so zu 1000 Prozent sein kann wie man ist, mit der man verwuschelt und in Schlabberbuxe durch die Bude rennen, einfach mal nur auf der Couch liegen kann – aber auch Nächte durchquatschen oder sich an ihrem Schminktisch (sie hat einen Schminktisch!!!) aufbrezeln und ausgehen oder sporteln oder so ziemlich sonst auch alles tun kann. So eine, in deren Anwesenheit man sich einfach immer wohl fühlt, auch dann, wenn man eigentlich gerade niemanden um sich haben will. Sie hat eine diese herzliche und ehrliche Art zu lachen, dass man einfach mitlachen muss, wenn sie richtig loslegt. Sie zählt zu diesen bedingungslos liebenswerten Menschen, die man nicht so oft trifft im Leben. Du Elli, fasstest es neulich so herrlich-süß zusammen: „Wenn ich groß bin“, sagtest Du mit tiefer Überzeugung nach einem Tag, den wir mit Anne verbrachten, „dann möchte ich auch Anne Pauly mit Nachnamen heißen.“ Verständlich, ehrlich gesagt. Offen gestanden: Das könnte schwer werden! Aber man soll ja Träume haben. 

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Einer Eurer aktuellen Lieblingsorte: der Verkehrsübungsplatz bei uns ums Eck.

FÜNF: FRÜHLINGSSPROSSEN UND RADELPREMIEREN. Bis in diesem Jahr ging es mir so: Ich fand wirklich jedes einzelne Jahr, dass ich jetzt wirklich exakt das richtige Alter habe. Mit 16 war ich am liebsten 16, mit 18 fand ich nichts besser als 18, mit 25 freute ich mich über das Viertel Jahrhundert, mit 30 fühlte ich mich erstmals ein bisschen erwachsen, selbst die 36 fand ich noch toll, weil es so eine harmonische Zahl ist. Die 37 hat mich erstmals genervt, keine Ahnung wieso, vielleicht liegt es an diesem verkorksten Jahr, vielleicht kommt mir die 40 jetzt langsam doch zu nahe. Bei Euch gilt das noch immer: Ich finde immer genau das Alter, das Ihr gerade habt, am tollsten, und zwar jeden Tag. Im Moment verzückt Ihr mich mit Euren so logischen sprachlichen Schlussfolgerungen: Ihr bezeichnet Zahnseide als Zahnseile (macht jawohl auch viel mehr Sinn), spielt Koch und „Kocherin“ (was sonst), nennt Euch liebevoll Schatz und „Schatzin“, bezeichnet den Juli 2020 als „Überjuli“ (was mit morgen geht, geht mit Monaten jawohl mindestens genauso gut) und als ich Dich, Elli, neulich auf Deine süßen Sommersprossen ansprach, erklärtest Du mir leicht genervt, dass der Sommer doch noch gar nicht begonnen habe und das deshalb doch wohl Frühlingssprossen seien (natürlich!). Aber nicht nur das, was in Euren Köpfen passiert, beeindruckt mich: Ihr fahrt Rad! Auf einmal und einfach so – und unser Radius, in dem wir uns ohne Auto bewegen, hat sich mal kurz verfünfzehnfacht. Neulich radelten wir zum Weißensee, mit Umwegen durch diverse Kleingartenkolonien kamen wir am Ende auf neun Kilometer. Wie toll ist das denn bitte? Wirklich, dieser Meilenstein war für mich fast bedeutender als das Laufenlernen damals. Ich will noch 1000 Radtouren mit Euch machen, bitte.

So. Ich könnte jetzt aus den fünf Lichtblicken locker wieder 15 machen, wo ich mich gerade so „eingeschrieben“ habe. Aber jetzt muss ich wirklich Kisten packen. Auf in dieses neue Leben. Das wird gut, versprochen.

Ich liebe Euch!

Eure Zwillimuddi

 

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