Wie ein Geldstück uns mit Tatütata in die Notaufnahme brachte

Liebe Elli, lieber Theo,

schon klar: Krankenwagen, und überhaupt alles, was Tatütata macht und/oder Blaulicht hat, sind in Euren Augen gerade der größte Hit. Aber solltet Ihr das ein zweites Mal so hautnah wie vorletzten Montag erleben wollen, verspreche ich hiermit hoch und heilig: Wir finden dafür eine andere Lösung! Eine, bei der mir nicht mein halbes, kurz vorm Infarkt stehendes Herz in die Hose rutscht. Eine, bei der ich nicht Dich, Elli, bei den Nachbarn parken und mit Dir, Theo, den halben Abend in der Notaufnahme verbringen muss.

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Nur einer von sehr vielen schönen Urlaubsmomenten: Du, Theo, plantschst mit mir im Pool – Du, Elli, guckst zu

Aber langsam, und vor allem von vorne. Da ich mich seit meinem letzten Brief ja gar nicht mehr schriftlich zu Wort gemeldet habe, muss ich vorweg nehmen: Unser Urlaub war toll! Ich habe mir den Stress von der Seele gelesen, mir in der Hängematte mein Gehirn zurückgebaumelt, und ähnlich wie Ihr Eure sonnencremebeschmierten Körper an gemeinsamen Strandnachmittagen im Sand paniertet, wurde meine Seele bei Eurem Anblick derartig einbalsamiert, dass mir selbst dann warm war, wenn es ab und zu mal regnete. Kurzum: Ihr happy, Papi happy, ich happy – uns allen haben diese zehn Tage Malle richtig gut getan, und so starteten wir ziemlich erholt in den nassgammeligen Herbst. Die Spätsommerurlaubsentspannung hält tatsächlich noch ein wenig an, obwohl wir schon gut drei Wochen wieder hier sind.

Nur letzte Woche, da gab es eben diesen „Zwischenfall“, den ich noch lange nicht verdaut habe. Es fing alles ganz harmlos an: Ich wollte nach einem gemütlichen Spiele-Nachmittag noch schnell mit Euch einkaufen gehen, was um halb sechs und kurz vor dem Abendbrot ja eher eine semi-gute Idee ist – aber unser Kühlschrank hatte mindestens genauso großen Hunger wie wir, also zogen wir los. Elli, Deine Laune war ziemlich im Keller, Du hattest so gar keine Lust, im Fahrrad sitzen zu bleiben. Also nahm ich Dich auf den Arm, schob mit Arm Nummer 2 das schwere Lastenrad. Und als auch Du, Theo, auf der Hälfte der Strecke zu meckern begannst, sah ich ein: Es hat keinen Sinn, die Sache mit dem Einkaufen. Irgendetwas würde ich schon noch im Gefrierfach finden. Passenderweise trafen wir unsere Nachbarin mit ihren zwei Kids, und traten mit ihnen zusammen den Heimweg an.

Dich, Theo, konnte ich zumindest vorübergehend mit meinem Portemonnaie glücklich machen, dem einzigen Gegenstand, den wir neben dem Schlüssel dabei hatten. Ich quatschte mit der Nachbarin, versuchte dem Gespräch halbwegs zu folgen, während ich immer wieder Dich beruhigte, Elli. Dann passierte das, was passieren musste: Theo, Dir war es gelungen, auch den zweiten Reißverschluss meines Portemonnaies zu öffnen. Du drehtest die Geldbörse um, so dass sämtliche Münzen herausfielen, auf den Boden der Lastenradbox. Offenbar warst Du selbst überrascht, Du legtest das Portemonnaie brav zur Seite, begannst die Geldstücke aufzuheben, und warst somit auch die letzten Wegminuten beschäftigt.

Als wir an unserer Haustür angekommen waren, sah ich im Augenwinkel in Deinem Mund plötzlich etwas funkeln – ich stellte Elli hin, sprang zu Dir, und sah zwei Münzen zwischen Deinen Zähnen. Eine von ihnen angelte ich kurzerhand hinaus. Von der zweiten: keine Spur.

„Wo ist das andere Geldstück?!“, fragte ich Dich. „Weg“, sagtest Du, hobst unschuldig die Schultern, „Theo au-ge-gessn. Bauch!“ Im allerersten Moment dachte ich: Naja, was reingeht, geht auch wieder raus. Als ich aber sah, wie meiner Nachbarin die Farbe aus dem Gesicht wich, und auch Du, Theo, irgendwie seltsam schautest, rasselte mein Gehirn das durch, was wir irgendwann mal in einem dieser Erste-Hilfe-fürs-Kind-Kurse gelernt hatten: Wann immer ein Kind irgendetwas herunterschluckt, was es eigentlich nicht herunterschlucken sollte – Giftnotrufzentrale anrufen, 24 Stunden, rund um die Uhr.

Die Dame am anderen Ende schien zunächst ruhig. „Wenn es ein 10-Cent-Stück war, ist es kein Problem. Das ist klein genug und flutscht meist mit durch“, sagte sie , „alles, was größer als 21 Millimeter ist, also etwa 50-Cent- oder Zwei-Euro-Stücke, können sehr bedrohlich sein, auch einige Zeit nach dem unmittelbaren Verschlucken.“ Sie erklärte mir, dass die Speiseröhre drei Ausbuchtungen habe, und dass ein größeres Geldstück sich dort verhaken, dann auf die Luftröhre drücken könne. Das Problem: Die Münze, die ich noch erwischt hatte, war ein 10-Cent-Stück – von dem Wert der anderen hatte ich keinen blassen Schimmer. Die freundliche Frau empfahl mir, es mit einem Stück Brot zu versuchen. „Wenn er das ohne Probleme herunterschlucken kann, ist das schon mal ein gutes Zeichen, dann ist das Geldstück wahrscheinlich mit dem Brot in den Magen gerutscht.“ Wir organisierten schnell eine Scheibe Baguette aus dem benachbarten Café, und während meine Giftnotrufzentralengesprächspartnerin ausführte, dass es lebensbedrohlich sein könnte, wenn das Brot nicht herunterginge, begannst Du zu husten. Und zwar so, wie ich es niemals zuvor bei irgendjemandem gehört habe.

Theolein, wenn ich an diesen Moment zurückdenke, kommen mir jetzt noch die Tränen, so schrecklich war das: Du hast um Luft gerungen, Dir die Hand an den Hals gehalten, innerhalb von Sekunden nahm Deine Gesicht eine gruselige Farbe an. Unsere Nachbarin, die näher bei Dir stand, nahm Dich hoch, hielt Dich an den Füßen, mit dem Kopf nach unten baumelnd, klopfte Dir auf den Rücken. Ich warf mein Telefon auf den Boden, lief zu Euch, übernahm Dich. „Ruf den Notarzt“, rief ich meiner Nachbarin zu, klopfte weiter auf Deinen Rücken, meine Beine zittrig, versuchte Dich zu beruhigen, die Stimme noch zittriger.

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Das Röntgenbild. Ich als Voll-Laie hätte ja schwören können: das da rechts ist es, das Geldstück! Ist aber wohl nur Luft

Es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, aber zum Glück bekamst Du von alleine wieder Luft, noch bevor Rettungswagen, Notarzt und Polizei anrückten. Auf unserer Straße war ganz schön was los, drei Fahrzeuge, sechs Einsatzkräfte. Dich, Elli, ließ ich im Arm der Nachbarin zurück und versprach Dir, ganz bald wiederzukommen – und wir, Theo, fuhren mit Blaulicht und ziemlich lautem „Tatütata“ in die Klinik. Dort machten die Ärzte ein „Foto“ von Deinem Oberkörper – Deine Röntgen-Premiere. Als die Ärztin uns erklärte, dass in der Speiseröhre definitiv nichts mehr hinge, Entwarnung gab und erklärte, dass das gute Stück vermutlich bereits im Darm unterwegs sei und eines Tages tatsächlich von alleine wieder herauskomme – da brach ich vor Erleichterung in Tränen aus, und hielt Dich so fest in meinen Armen, dass Du etwas verstört „Mama machst Du da?“ fragtest.

Im Ernst, mein Schatz: Ich hätte Deinen Schutzengel gern auf der Stelle von oben bis unten abgeknutscht. Weißt Du – in meinem Job höre ich täglich so viele, grausame Geschichten von Kindern, denen wirklich schlimme Dinge passieren. Bisher flog dann immer so ein gewisser Unterton durch meinen Kopf. „Wie unverantwortlich“, dachte ich oft, und schob den Eltern, wenn auch nicht bewusst, in Gedanken einen imaginären schwarzen Peter zu. Haben sicher nicht richtig aufgepasst. Immer mit der naiven Überzeugung, dass mir, dass uns, so etwas nicht passieren könne.

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Ganz schön gruselig: der Weg zur Kinderrettungsstelle führt durch den Keller. Dieses Bild schoss ich auf dem Rückweg

Dass das Quatsch ist, das hat mir dieser Montag eindringlich bewiesen. Einfach JEDER Mutter, ob arm, ob reich, ob alt, ob jung, ob gestresst oder entspannt, können Fehler passieren. Eine Minute unaufmerksam, nur eine Sekunde genügt. Eine Sekunde, die alles verändern kann. 

Alles Weitere will und kann ich mir gar nicht ausmalen. Ich bin einfach so unfassbar froh, dass es Dir gut geht, Theo, und danke Gott dafür – tatsächlich habe ich Montagnacht das erste Mal seit langer Zeit wieder einmal gebetet (zu diesem Thema gibt es demnächst mal einen gesonderten Brief, denn ein lieber Freund hat gerade ein ziemlich gutes Buch zum Thema Glauben geschrieben, und im Urlaub kam ich endlich dazu, es zu lesen).

Übrigens: Als wir nach Hause kamen, lagst Du, Elli, mit Papi, der Dich bei den Nachbarn abgeholt hatte, Buch anschauend im großen Bett im Schlafzimmer. Da man die Stunden, die Du und Dein Bruder in Eurem Leben bislang getrennt verbrachtet, noch immer an zwei Händen abzählen kann, war die Wiedersehensfreude riesig. Ihr habt Euch so unfassbar niedlich begrüßt, dass mir erneut die Tränen kamen: Ihr plapperten synchron drauf los – Du, Theo, erzähltest aufgeregt vom „Kanke-Haus“, Du Elli, warst (zu Recht!) tierisch stolz darauf, zum ersten Mal ganz alleine ein unverhofftes Playdate gehabt zu haben, und zeigtest Deinen mit lauter bunten Pflastern beklebten Bauch – später erfuhr ich, dass Du mit dem Nachbarmädchen Krankenhaus gespielt hast, Ihr den gesamten Pflastervorrat des Haushaltes geplündert hattet.

Tja, und jetzt? Seit der Entlassung untersuchen wir akribisch Deinen Windelinhalt, Theo; bisher haben wir den „Schatz“ noch nicht gefunden – ich zweifele inzwischen schon an mir selbst und frage mich, ob es überhaupt tatsächlich eine zweite Münze in Deinem Mund gab! Auf dem Röntgenbild hatten die Ärzte ja hauptsächlich die Speiseröhre gecheckt, somit nichts eindeutiges gefunden. Und die Hustenattacke? Die war heftig, kann aber natürlich auch Folge eines verschluckten Brotkrümels gewesen sein… Puh: Ich weiß es einfach nicht. Jedenfalls haben Euer Papi und sämtliche Gegenstücke in Größe eines Geldstücks, die so zu Hause hier und da herumlagen, konfisziert, und dabei bleibt es, bis die offenbar verlängerte orale Phase abgeschlossen ist. Wir werden noch achtsamer sein, noch besser auf Euch aufpassen als bislang. Und Euch außerdem noch mindestens 25 Mal erklären, dass ein Aufenthalt im Krankenhaus nichts Erstrebenswertes ist – selbst wenn man das „Tatütata“ so hautnah miterlebt.

Wie gesagt, dafür finden wir andere Lösungen, ganz bestimmt: ein Tag der offenen Tür oder so. Zur Not besteche ich den Mann einer Kollegin, der ein echter Rettungssanitäter ist. Nur bitte, bitte: ab sofort nie wieder Sparschwein spielen, okay?

In inniger Liebe,

Eure Zwillimuddi

P.S.: Waren die letzten Briefe etwas düster…? Verzeiht, das spiegelt eigentlich gerade nicht die Gesamtsituation wieder – Ihr seid echt gut drauf, und lernt weiterhin jeden Tag so unendlich viel dazu! Mein nächster Eintrag wird wieder fröhlicher, versprochen.

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5 Gedanken zu “Wie ein Geldstück uns mit Tatütata in die Notaufnahme brachte

  1. Meine Schwester hat sich als kleines Kind mal eine Murmel in die Nase gesteckt – der Klassiker… das lief dann zwar ohne Tatütata ab, aber im Krankenhaus waren wir trotzdem. Die Nase ist da aber definitiv die bessere Idee als der Mund, weil sie ja über den Rachen mit dem Mund verbunden ist und die Murmel gut wieder rauszuholen war!

    Unsere große Tochter, die jetzt zwei ist, hat es diesen Sommer geschafft, sich heißes Wasser über das komplette Bein zu gießen – das war unsere erste Erfahrung mit Tatütata, Blaulicht und Kinderklinik! Erst haben wir noch versucht, sie mit lauwarmen Wasser unter der Dusche zu kühlen, aber sie hat wirklich geschrien wie am Spieß (verständlicherweise) und es wurde nicht besser, es bildeten sich schon Bläschen! So haben wir den Rettungswagen gerufen. Sie hatte Verbrennungen ersten und zweiten Grades, das war echt schlimm! Nachdem sie im Rettungswagen Schmerzmittel bekommen hat, ging es ihr schnell besser – so gut, dass sie schon kommentierte „Tatütata aus, tatütata an“ :-D Sie ist dick verbunden worden und wir durften zum Glück sofort wieder nach Hause. Sie hat auch in den nächsten Tagen nicht mehr über Schmerzen geklagt, offensichtlich ist sie hart im Nehmen!!! Denn jeder, der schonmal eine Verbrennung hatte, weiß, wie schmerzhaft und langwierig das sein kann! Das Bein ist gut verheilt, nur noch am Rand der Windel (man, bin ich froh, dass sie noch Windeln trägt, sonst hätte sie womöglich noch Verbrennungen im Intimbereich gehabt! nicht auszudenken…) hat sie eine Narbe.
    Das ist ein Schreck und eine Erfahrung, die ich keinen Eltern wünsche!!! Ich kann also deine Erfahrung sehr gut nachvollziehen! Einmal nicht hingesehen, und schwupps ist es passiert. Ein Gutes hat es (wenn man so will): unsere Tochter hat jetzt gehörigen Respekt vor allem was heiß ist!

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    1. Oh Gott, die Arme :-(( Den positiven Nutzen müssen wir bei uns noch etwas „herausarbeiten“ – meine Sorge ist im Moment echt noch, dass die zwei die Tatütata-Nummer so gut fanden, dass sie dazu neigen, Wiederholungstäter zu werden :-/ Und Du hast Recht: diesen Schrecken wünsche ich auch wirklich NIEMANDEM!

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  2. Oh wie gut zu lesen, dass alles gut ueberstanden ist. Tatuetata fehlt uns noch auf der Liste, aber wohl eher, weil bei uns die Notaufnahme in Laufweite ist, so dass man da auf jeden Fall schneller selbst hinkommt als auf den Krankenwagen zu warten.

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  3. Liebe Claudia,

    das waren ja dramatische Stunden. Zum Glück ist es so gut ausgegangen. Und ja, es kann immer etwas passieren und auch Jedem, auch wenn man die großen Gefahren ausschließt (Fenster sichern, Küchenmesser und Streichhölzer weglegen). Mein Sohnemann hat z.B. in dem Moment angefangen zu krabbeln, als er auf dem Bauch ungesichert im Kinderwagen lag und ich drei Meter entfernt vorm Gemüseregal bei Netto stand… Er ist kopfüber aus dem Wagen auf den Steinboden gestürzt und natürlich hab ich mir hinterher Riesenvorwürfe gemacht. Zum Glück hat er sich dabei absolut nichts getan.

    Und jetzt kommt noch die Hammer-Story zum Thema „Verschlucken von Gegenständen“: Wir waren aus dem Urlaub gekommen, mene Mutter hatte meinen dreijährigen Bruder ins Bett gebracht. Plötzlich Riesengeschrei im Kinderzimmer, er blutete aus dem Mund – und am Gitterbett fehlte eine Schraube!!! Wir alles abgesucht, ihn befragt, zum befreundeten Kinderarzt, dann ins Krankenhaus. Alle haben meine Eltern für verrückt erklärt. Das konnte ja nicht sein. Es war aber so! Gegen Mitternacht stand dann die Krankenschwester mit dem Röntgenbild da und sagte nur: „Ähm, wir behalten ihn hier!“ Es war eine 46-Millimeter-Schraube, die da quer in seinem Magen lag. Ist übrigens mit Hilfe von Sauerkraut (zum Einwickeln) und Kartoffelbrei (zum Flutschen) nach einer Woche und kurz vor dem OP-Termin von alleine in die Kloschüssel gescheppert – an Omas 60. Geburtstag.
    (Er wollte das Ding natürlich nicht absichtlich verschlucken, hat bestimmt nur bisschen an den Zähnchen rumgeklopft und plötzlich setzte der Schluckreflex ein. Was für ein Glück, dass die Schraube nicht hängengeblieben ist. Wie er die abgekriegt hat, ist auch ein ewiges Rätsel geblieben.)

    Viele Grüße, Ulli S. :-)

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    1. Oh Gott, die Schrauben-Geschichte ist der Wahnsinn!!! Da wird mir schon beim Lesen ganz anders… Wie gut, dass sie wieder aufgetaucht ist! Wie viel diese kleinen Menschen verpacken, unglaublich! Danke für Deinen ausführlichen Kommentar :-)

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