Symmetrie-Fimmel & der Rosa-Blau-Tick: wie Ihr mir meine Macken nehmt

Liebe Zwillis,

wir kennen uns jetzt seit gut 14 Monaten, die neun vor Eurer Geburt nicht mitgerechnet. Wir haben bereits einen Herbst, einen Winter, einen Frühling und zwei Sommer miteinander erlebt. In einer Beziehung ist spätestens das die Zeit, in der man mit Marotten nicht mehr groß hinterm Berg halten kann. Und deshalb finde ich es nur fair, Euch heute von einer nicht unbedeutenden Macke Eurer Mama zu berichten.

Ich bin Perfektionistin. Und damit meine ich nicht diese Form von Perfektionismus, mit der man in Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgesprächen prahlt, dieses „Ich-muss-immer-alles-zu-100-Prozent-erledigen-sonst-kann-ich-nicht-schlafen“-Getue. Sondern eher so eine Form, die nicht nur Außenstehende, sondern selbst Freunde und Familienmitglieder als bekloppt, wenn nicht sogar ein kleines bisschen zwanghaft bezeichnen.

Vor Eurer Zeit äußerte sich das so:

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Zwillimuddis Tischordnung, wie meistens und am liebsten symmetrisch

SYMMETRIE. Den Esstisch in Spiegelbildordnung dekorieren: mittig die Blumenvase, dann rechts ein Teelichthalter, links ein Teelichthalter. Außen die Kerzenleuchter, gleich weit entfernt von den Tischkanten. Den Besteckkasten der Spülmaschine so einräumen: alle Gabeln links, alle Messer rechts. Große Löffel oben, kleine Löffel unten (am Besten jeweils gleich viele). Bei der Temperaturanzeige im Auto für Fahrer und Beifahrer die gleiche Temperatur einstellen, meist 23,5 Grad, weil das mein Geburtsdatum ist.

PLANUNG. Im September schon wissen, in welchem Design die Weihnachtsgeschenke verpackt werden. Im November den Sommerurlaub klarmachen, am liebsten gleich mit täglichem Ausflugsplan. Den letzten Tag des Jahres damit verbringen, Glückskekse mit personalisierten Botschaften für die Silvesterdinnergäste zu basteln – anstatt einfach mal das Jahr in Ruhe ausklingen zu lassen, mit einem Buch auf der Couch oder so. Und überhaupt, Feste vorbereiten: abtauchen für Deko-Dinge, manchmal tagelang.

…UND IMMER NOCH EIN BISSCHEN MEHR MACHEN. Zehn Stunden Reporterjob täglich, manchmal zwölf. Danach Feierabend? Pah! Kuchen für sämtliche Geburtstagskinder (und -erwachsene) im Freundeskreis, Weihnachtsplätzchen für einfach jeden in der Sippschaft backen. Mit Freundin Anna neben unseren Hauptjobs „mal eben“ einen Adventskalenderservice gründen, weil das so ein Kindheitstraum war. Ein Buch schreiben – nachts, während (gefühlt) der gesamte Rest der Welt schläft.

„Warte mal ab, bis die Zwillis erst da sind, dann erledigt sich das von selbst“, prophezeiten Freunde, als Ihr noch in meinem Bauch wart. Aber von wegen! Ich meine: dass ausgerechnet ICH schwanger wurde mit Zwillingen – das schaffte doch bloß noch mehr Raum für Symmetrie-Fimmel & Co.! Eure Namen mussten mit je vier Buchstaben im Erst- und je drei im Zweitnamen natürlich gleich lang sein. Euer Kinderzimmer richtete ich spiegelbildlich ein: links die natürlich rosafarbene Mädchen-, rechts die blau gehaltene Jungenvariante (weil Ihr so auch im Bauch lagt: Elli, Du immer links, Theo, Du immer rechts). Selbst die schönsten Klamotten kamen mir nicht in den Schrank – wenn es nicht das männliche/weibliche Pendant dazu gab. Und als Ihr dann da wart: Tja, da zog ich tatsächlich Euch BEIDE um, auch wenn sich nur einer vollspuckte/-pinkelte/-kackte. Ordnung muss sein.

Klingt verrückt?

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Wenn wir eins können, dann ist das: stundenlang plaudern! Christina (links) und ich im Sommer 2009 bei einer Bootstour auf dem Wannsee

Anruf bei der ewig besten Freundin Christina, die als Psychologin an einer Klinik im Schwarzwald arbeitet. Sie hat nicht nur immer spannende und kluge Antworten auf Psycho-Fragen, sondern kennt mich seit der ersten Klasse, und das ist inzwischen immerhin 27 Jahre her. Gut – denn laut oberflächlicher Google-Recherche liegt der Ursprung von Perfektionismus meist in der Kindheit und trifft Menschen, die früher nicht genügend Selbstbewusstsein entwickeln konnten, so dass sie später umso mehr Bestätigung suchen und Hinz und Kunz gefallen wollen.

Diese Aussage hält Christina für zu pauschal. Küchenpsychologie, die der Komplexität unserer menschlichen Psyche nicht gerecht wird – und auch mir erscheint die Theorie eher schlicht: meine Kindheit war fröhlich, behütet, voller Liebe. Erste große Hürde: Trennung Euer Großeltern als ich 13 war. Aber alles darauf zu schieben? Wäre zu simpel, denn wie Tausend andere Teenies habe auch ich das überlebt (zugegebenermaßen rebellierend). Also sicher nicht alles entscheidend – aber vielleicht einer von vielen Auslösern. „Dein Perfektionismus äußert sich als Wunsch nach ständiger Kontrolle“, erklärt mir Christina, „und solch ein Wunsch entwickelt sich oft durch Situationen, in denen man eine Art Ohnmacht erlebt und spürt, dass man nicht in der Lage ist, das weitere Geschehen zu beeinflussen.“

Gemeinsame Zeitreise durch meine Vergangenheit: Mal abgesehen vom Auszug Eures Opas zählte vielleicht mein Zeugnis im Sommer 1995 dazu, auf dem nicht nur drei Fünfen standen, sondern auch, dass ich die siebte Klasse wiederholen muss. Vielleicht war dieser Kinoabend ein paar Jahre später prägend, an dem wir mit der Clique gekifft hatten (ich sage ja: rebellierend) und ich mitten in der Popcornschlange aus den Latschen kippte. Möglicherweise auch der mitunter maßlose Alkoholkonsum eines späteren Ex-Freundes. Sehr wahrscheinlich aber eine Summe aus vielen solcher Dinge, und zwar nicht nur in Kindheit oder Jugend, sondern in etlichen Lebensabschnitten.

Also gut, und jetzt Hand aufs Herz: Wie bedenklich ist diese Macke Eurer Mama?

„Naja“, sagt Christina, „im Grunde ist das eine kreative Anpassungsstrategie, Dich selbst in Sicherheit zu wiegen. Solange Du mit den Dingen, die sich dann doch nicht kontrollieren lassen, umgehen kannst, sie positivierst oder vielleicht sogar drüber lachst, ist es nicht problematisch. Ich meine: jeder hat irgendwo ’ne Macke. Oder anders gesagt: seine individuellen Charakter. Und genau das macht uns ja interessant. Erst wenn es Dein Leben im Alltag und Deine Kontaktqualität zu anderen Menschen beeinträchtigt, dann wird’s schwierig.“

Wie immer tat dieses Telefonat mit Christina herrlich gut (obwohl ich es auf dem Spielplatz führte und Euch währenddessen etwa fünf bis zehn Mal in die Schaukel setzte, wieder rausholte, Stöcke und Sand aus Euren Mündern entfernte, Euch davor schützte, von wild gewordenen Kita-Kindern mit Schaufeln erschlagen zu werden und etwa 27 Runden mit Euch auf dem Karussell drehte). Und je länger ich anschließend darüber nachdachte, desto mehr begriff ich, dass auch die oben erwähnten Freunde mit ihrer „Die-Zwillis-treiben-Dir-das-schon-aus!“-These inzwischen immer mehr Recht behalten:

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Ihr Tanzbereich, sein Tanzbereich? Nix da: Theo, Du findest rot besser als blau. Das Nonplusultra ist eh die kunterbunte Spielzeugkiste (nicht im Bild)

Die SYMMETRIE-Nummer geht Euch so ziemlich an Euren süßen Popos vorbei: Mein „durchdachtes“ Rosa-Blau-Farbkonzept geht immer nur so lange auf, wie Ihr nicht im Raum seid: Und dann stürzt Du, Elli, Dich oft aufs blaue Spielzeug, und Du, Theo, liebst den roten Kram. Als Ihr neulich in unserer Datsche in Brandenburg mit Sand und Wasser einen Matsch-Marathon veranstaltetet, fand ich im Schrank dort bloß eine viel zu große Jeans Eures Patenbruders Fitti und eine alte Strumpfhose seiner Schwester Elsa. Beides schön, aber weder farblich noch stilistisch zueinander passend (wieso auch). So fuhren wir kleidungstechnisch komplett improvisiert heim, und es fühlte sich irgendwie ganz befreiend an.

PLANEN kann ich so viel ich will – allerdings bleibt es meist bei der Theorie, wie nicht nur die Abstill-Angelegenheit oder der Tauf-Tag zeigten, sondern einmal mehr der vergangene Montag. Wir wollten zu Eurem Kumpel Leo fahren – doch ich hatte die Rechnung ohne den (Zwilli-)Wirt gemacht: Ihr hattet den Autoschlüssel verlegt. Leo kam (dank Mama Aline, Königin der Unkompliziertheit) spontan zu uns, und als Euer Papa abends die halbe Bude auf den Kopf stellte, tauchte der Schlüssel wieder auf: in der Sofaritze.

Was war da noch? IMMER EIN BISSCHEN MEHR WOLLEN. Wisst Ihr was? Dieses Bedürfnis ist schlicht nicht mehr vorhanden. Vorgestern Früh gingen wir nochmal ins Bett, als Euer Papi zur Arbeit fuhr. Ihr schlieft in meinen Armen ein, und ich lag einfach so da, genoss den Moment. Ohne Handy. Ohne Hektik, ohne Hummeln im Hintern.

Vielleicht bin ich mit Euch zum ersten Mal so richtig angekommen. Immer mehr wollen? Nein. Ich glaube nicht mal, dass ich das dritte Kind, das eigentlich immer durch meine Träume spukte, noch will. Denn besser als mit Euch wird es nicht! Ihr seid mein Jackpot! Und wie Christina es nannte, zwei kleine Zauberer: Zauberer, die Mama die Macken nehmen.

Danke!

In innigster Liebe,

Eure Zwillimuddi

P.S.: Wie jeden Mittwochnachmittag mailte ich gestern den Text meines Briefes an Euren Papa. Seine Antwort auf mein Macken-Geständnis im O-Ton: „Gut! Aber so krank wie es sich liest bist Du nicht ;-)“ Ich habe trotzdem alles so stehen lassen. Denn bis Ihr das hier lesen und verstehen könnt, habt Ihr viele Jahre Zeit, um selbst herauszufinden, dass „Zwillivaddis“ Anmerkung der Wahrheit entspricht…

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