Lebst Du schon oder stillst Du noch? Wie mein großer Urlaubsplan gewaltig baden geht

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Herrlich: der Blick auf den Lago. Nicht so herrlich: der langweiligste Sundowner aller Zeiten

Liebe Zwillis,

ich sitze auf der Terrasse unseres Ferienhauses, die Sonne verkrümelt sich gerade hinter den Bergen, ihre letzten Strahlen des Tages hüllen den Lago Maggiore in ein unverschämt schönes Licht, das fast zu kitschig ist, um wahr zu sein. Ihr schlummert friedlich in Euren Reisebetten, Euer Papi gönnt sich ein kaltes Peroni. Und vor mir steht: eine Flasche Sprudel. SPRUDEL! Das hatte ich mir eigentlich etwas anders vorgestellt.

Aber der Reihe nach: Was war das für eine turbulente Woche! Euer erster Geburtstag, Besuch von der Oma. Die erste Party, mit Kuchen und Tanz. Dann die Fahrt in den Urlaub, vier verschiedene Schlaf-Locations in sieben Tagen. Und mittendrin eine Sache, die gewaltig in die Hose geht: das Projekt Abstillen.

Eigentlich hatte ich folgenden Plan: Muttermilch bis zum ersten Geburtstag, das muss reichen. Danach esst Ihr „einfach“ bei uns am Tisch mit, das macht Ihr immerhin seit ein paar Monaten schon beim Frühstück, dann können wir die anderen Milch- und Breimahlzeiten ja auch Stück für Stück ersetzen. Und die Nächte? Die – so der Plan – könne ja der Papa rocken. Der hat nämlich jetzt seinen zweiten Elternzeitmonat, und den verbringen wir hier in Italien. Entspannte Umgebung für eine entspannte Umstellung. Ein paar Tage, dachten wir, und das Thema sei erledigt.

So weit die Theorie. Pustekuchen. Ach was, Pustetorte! Die Praxis sieht so aus:

Freitag, weit nach Mitternacht machen wir Durchreise-Stopp in einem Landgasthof im tiefsten Bayern. Verschlafen blinzelt Ihr aus Euren Maxicosis, streckt Euch – und beginnt zeitgleich, Euch lauthals über die nächtliche Ruhestörung zu ärgern. Aus Angst, den halben Ort zu wecken, nehme ich Euch – na gut – an die Brust.

Sonntagfrüh, eine Pension in den Schweizer Bergen. Wir sitzen beim Frühstück, und ich würde zu gern noch dieses köstliche Bauernbrot aufessen und meinen Milchkaffee schlürfen. Aber Du, Theo, hältst davon nichts. Dein Frühstück ist Matschepampe auf dem Hochstuhltisch, Deine Laune im Keller. Ich will die Stimmung retten – und stille.

Dienstagnachmittag, am Strand. Wir Experten haben den Brei vergessen. Es ist noch heißer als in den vergangenen Tagen, das Wasser in Euren Flaschen pipiwarm, der nächste Supermarkt zu weit weg. Dann halt kurz runter mit dem Bikinioberteil, hach, das ist aber einfach auch zu praktisch.

Wenn Ihr diese Zeilen in ein paar Jahren mal lest (bevor Ihr selbst Kinder habt!) denkt Ihr vermutlich: selber Schuld! Einfach nicht konsequent genug, unsere Mama. Aber, meine Süßen, so leicht ist das nicht. Denn ich bin hier schließlich nicht die Einzige, um die es in diesem Spiel geht: Es treten sozusagen vier Teams gegeneinander an.

Mannschaft 1 seid IHR.

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Schönste Still-Tradition: Wenn Ihr gleichzeitig trinkt, haltet Ihr dabei meistens Händchen

Ihr kamt fünf Wochen früher als geplant auf die Welt, wart anfangs schlicht zu schwach, um an der Brust zu trinken. Also habt Ihr Abgepumptes aus der Flasche bekommen – und Euch so daran gewöhnt, dass Ihr nichts anderes wolltet. Umso mehr habt Ihr es genossen, als Ihr Wochen später verstanden habt, dass es den Flascheninhalt auch ohne Umweg direkt aus Mamas Milchbar gibt. Schnell schlieft Ihr nur noch an der Brust ein – und wart empört, wenn wir Euch doch mal wieder die Pulle anboten. Inzwischen trinkt Ihr zwar Wasser aus dem Becher, fordert aber Eure Zwischen- und Nachtmahlzeiten mit Kuscheleinheit an der Brust vehement ein. Der Versuch, Euch genau diese langsam abzugewöhnen, geht in diesem Urlaub komplett baden (siehe oben).

Etwas absurd: Ihr seid jetzt so groß, dass Ihr steht, an der Hand lauft und so einiges kapiert. Folge: nicht selten kommt Ihr zu mir, zieht mein T-Shirt selbst runter – Milch marsch. Und denkt offenbar gar nicht daran, das irgendwann auch nur ansatzweise sein zu lassen.

Mannschaft 2 bin ICH.

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Liebste Still-Position – „früher“! Heute seid Ihr dafür zu zappelig und trinkt lieber im Stehen

Hätte ich die Sache mit der Selbstbedienung noch vor einem Jahr gehört, hätte ich mir nur an den Kopf gefasst. Was für eine Ökomuddi, hätte ich gedacht, die stillt ja noch, wenn die Kinder in die Schule kommen! Tja, aber wenn der Start so hart ist wie bei uns, ist vielleicht klar, dass man es so sehr genießt, wenn es dann endlich klappt: Sieben Wochen lang habe ich acht mal 30 Minuten täglich vor der „Melkmaschine“ gesessen. Vier Stunden am Tag, ohne auch nur einen von Euch gefüttert, gewickelt oder in den Schlaf gesummt zu haben. Nebenbei habe ich so ziemlich alles mitgenommen, was es an Stillproblemen gibt: Milchstau (aua), Brustentzündung (aua-aua), wunde Brustwarzen (aua-aua-aua). Bis ich Euch beide „ganz normal“ stillen konnte, dauerte es zwei Monate – wären da die weltbeste Hebamme und eine hartnäckige Stillberaterin nicht gewesen, hätte ich spätestens nach der Hälfte der Zeit aufgegeben.

Inzwischen liebe ich dieses unbeschreibliche Gefühl, Euch zeitgleich zu stillen – und im Alltag ist es aus logistischen Gründen manchmal unabdingbar, zumindest einen von Euch kurz an die Brust zu nehmen, zum Beispiel um den anderen in Ruhe füttern zu können. Zumal Ihr höchstwahrscheinlich nicht nur die ersten, sondern auch die einzigen Kinder sein werdet, die ich stille. Andere stillen zwei oder drei Mal ein halbes Jahr, ich eben jetzt die selbe Zeit an einem Stück. Und zum Thema Inkonsequenz: ich kann ziemlich konsequent sein – wenn ich das will. In diesem Falle hat meine fehlende Disziplin aber höchstwahrscheinlich den Grund, dass ich noch nicht bereit bin für diese Form von Abnabelungsprozess.

Dabei sehne ich mir andererseits immer öfter ein paar alte Freiheiten herbei. Einen 43er mit frischer Zitrone auf sehr viel Eis, einen Kir Royal aus den alten Schampus-Kelchen meiner Omi schlürfen, dazu mal wieder an einer Zigarette ziehen – ich kann an einer Hand abzählen, wie viele Schlücke Alkohol ich mir seit 18 Monaten gegönnt habe; und trotz anschließender Stillabstinenz samt Pumpen ging das nie ohne schlechtes Gewissen.

Mannschaft 3 ist Euer Dad.

Und genau das, meine ständige Panik, ich könne Euch schaden, nervt Euren Papi gewaltig. Der hat langsam die Faxen dicke, was das Stillen angeht. Nicht nur, weil er die Wein-Karaffe beim Italiener alleine austrinken muss, sondern auch, weil meine Brüste seit über einem Jahr eher für Euch als für ihn reserviert sind.

Außerdem findet er es ungerecht, dass Ihr Euch nachts nur von mir ruhigstellen lasst – und ihn anbrüllt, als stünde er mit Axt und Sense an Eurem Bett. Dabei hat er Nerven wie Drahtseile und lässt sich von Eurem Unmut – zumindest äußerlich – kaum beeindrucken, während er immer und immer wieder „La-Le-Lu“ brummt.

Und Mannschaft 4? Sind „die Anderen“.

Es gibt ziemlich viele Dinge, bei denen mir die Meinung anderer relativ wurscht ist – das Stillding gehört nicht dazu. Anfangs, also als Ihr drei oder vier Monate alt wart, fand ich es großartig, Euch in der Öffentlichkeit zu stillen. Gerade weil ich kapiert hatte, dass eine harmonische Stillbeziehung alles andere als selbstverständlich ist, entblößte ich mich stolz – und möglicherweise oft etwas zuuu offenherzig – in Café, Park und Spielgruppen, um allen zu zeigen, dass ich in der Lage bin, zwei Babys zu ernähren.

Mittlerweile überlege ich es mir dreimal, ob ich Euch auf dem Spielplatz an meinen Brüsten nuckeln lasse (denn meist steht Ihr dabei und wir ernten blöde Blicke) – oder lieber „heimlich“, zu Hause. Manchmal beneide ich die Mamas im Umfeld, die gleichaltrige Kinder haben und schon vor Monaten den „Absprung“ geschafft haben. Dann aber frage ich mich wieder: Wieso eigentlich? Wieso lässt man Babys nachts schreien, nur damit man selbst seine Ruhe hat? Wieso gibt man ihnen chemisch hergestellte Milch und verweigert ihnen das natürlichste Lebenselixier schlechthin? Warum ist langes Stillen bei uns so verpönt und in anderen Ländern ganz normal? Und warum, in Gottes Namen, mache ich mir so viele Gedanken darüber, ob der Weg der Anderen der richtige ist oder meiner? Und gibt es hier überhaupt richtig und falsch?

***

Vielleicht ist das kein besonders befriedigender Abschluss dieses zweiten Briefes an Euch. Aber wie hat mein alter Deutschlehrer noch immer gesagt?

„Wenn Dich ständig Fragen plagen,

deren Antwort Du nicht weißt,

wird die Zeit die Antwort bringen,

ja, so ist es meist.“

In diesem Sinne: Möge die stärkste Mannschaft gewinnen – ich hole mir noch einen Sprudel…

In Liebe, Eure Zwillimuddi

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3 Gedanken zu “Lebst Du schon oder stillst Du noch? Wie mein großer Urlaubsplan gewaltig baden geht

  1. So schön das zu lesen!
    Ich stille gerade mein drittes Kind (10 Monate) und will/muss das wohl noch eine ganze Zeit machen. Keins meiner Kinder hat Schnuller oder Fläschchen akzeptiert.
    18 Monate habe ich die Große gestillt (1 Jahr war der Plan). Ich wollte und konnte sie nicht schreiend abstillen.
    Bei meiner zweiten Tochter wollten wir alles besser/anders machen 😊 es wurden 17 Monate.
    Beim dritten dachten wir, wir hätten jetzt voll den Plan. Haben frühzeitig das Fläschchen gegeben. Nix da. Von Angang an verschmäht. So werde ich auch ihm noch etwas Zeit geben.
    In der Öffentlichkeit stille ich jetzt schon nicht mehr -die blöden Blicke erspare ich mir.
    Vielleicht klappt’s irgendwann beim vierten 😜
    LG Sarah

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    1. Wie schön, dass wir nicht alleine mit diesem „Problem“ sind. Danke für den Hinweis, das vergaß ich zu erwähnen: Schnullis finden unsere beiden natürlich auch doof! Aber positiv denken: Dafür sparen wir uns die Schnullerfee… ;-) Frohes (Ab-)Stillen und viel Erfolg beim Vierten! Liebe Grüße, Claudia

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  2. Schöner Brief! Und so viel bekanntes und wahres für mich drin! Beim Zitat deines Deutschlehrers ist mir ein Text eingefallen, den ich hier auch ganz passend finde:

    Über die Geduld
    (von Rainer Maria Rilke)

    Man muss den Dingen
    die eigene, stille
    ungestörte Entwicklung lassen,
    die tief von innen kommt
    und durch nichts gedrängt
    oder beschleunigt werden kann,
    alles ist austragen – und
    dann gebären…

    Reifen wie der Baum,
    der seine Säfte nicht drängt
    und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
    ohne Angst,
    dass dahinter kein Sommer
    kommen könnte.

    Er kommt doch!

    Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
    die da sind, als ob die Ewigkeit
    vor ihnen läge,
    so sorglos, still und weit…

    Man muss Geduld haben

    Mit dem Ungelösten im Herzen,
    und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
    wie verschlossene Stuben,
    und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
    geschrieben sind.

    Es handelt sich darum, alles zu leben.
    Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
    ohne es zu merken,
    eines fremden Tages
    in die Antworten hinein.

    Anmerkung: Diese Zeilen stammen aus einem Brief von Rainer Maria Rilke „an einen jungen Dichter“ (Franz Xaver Kappus), in dem sie eingestreut sind. Wer die hier vorliegende Fassung formuliert hat, ist unbekannt. Der Titel „Über die Geduld“ stammt jedenfalls nicht von Rilke selbst! Zum Brief: http://www.rilke.de/briefe/230403.htm
    Quelle: http://www.dr-mueck.de/HM_Denkhilfen/Rainer-Maria-Rilke-Geduld.htm

    Mir fehlt bei deiner Unterteilung in die 4 Mannschaften etwas. Nämlich die Mannschaft, in der ihr zusammen spielt, die Zwillis und du, so wie im wahren Leben. Das hat meine wunderbare Hebamme (die übrigens ihre beiden Kinder auch eeeeewig gestillt hat) immer gesagt. „Dein Kind und du, ihr seid ein Team. Ihr müsst das miteinander ausmachen.“ Klar, der Papa ist auch mit dabei, aber eben doch nicht in dieser „Blase“ drin. Dein Bauchgefühl und die Zwillis, ihr seid unschlagbar und werdet die Antwort und den richtigen Moment finden wenn es so weit ist. Ihr seid die Gewinner ;-)
    Ich glaub‘ an dich, meine Liebe!

    P.S.: Und jetzt hab ich doch tatsächlich, obwohl diese Mutti-Blogs so gar nicht mein Ding sind, einen Kommentar verfasst. Tja, ist eben von der weltallerbesten Freundin die einfach schön schreiben kann.

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