Ich bin ne Muddi, holt mich hier raus! Wie ich unseren ersten kinderlosen Urlaub vorzeitig beendete

img_0795
So hätte mein zweiter Kaffee heute Morgen aussehen können. Alternativ gibt es halt Instantbrühe im Billigflieger

Liebe Elli, lieber Theo,

ich hätte ausschlafen, Kaffee im Bett trinken, später wieder diesen köstlichen Joghurt mit Palmhonig und Feigen essen können. Dann, gegen 11, hätte ich mir unter meterhohen Palmen und neben kunterbunten Strelitzien den zweiten Café con Leche bestellt, den Blick auf das swimmingpoolblaue Meer gerichtet, das Gesicht der Sonne zugewandt, dankbar für diesen wohltuenden Vitamin-D-Kick.

Stattdessen sitze ich im Flieger, und tippe diese Zeilen. Euer Papi schnarcht leise neben mir, ich hingegen bin viel zu hibbelig, um die Augen auch nur für zwei Sekunden zu schließen. Bizarrerweise finde ich es großartig, diesen paradiesischen Ort, an dem Euer Vater und ich uns die vergangenen vier Tage befunden haben, zu verlassen, kann es kaum erwarten, endlich in der (mit 2 Grad und Nieselregen eigentlich nicht so einladenden) deutschen Hauptstadt zu landen, um EUCH wiederzusehen. Früher als eigentlich geplant.

Am Montag waren wir nach Teneriffa geflogen. Unser erster kinderloser Urlaub seit Eurer Geburt. Wir buchten ihn so spontan, dass wenig Zeit blieb, im Vorfeld ausgiebig darüber nachzudenken. Dennoch diskutierte ich in den Tagen vor der Abreise vor allem mit anderen Mamas darüber, ob man zweieinhalbjährigen Kindern eine nahezu ganzwöchige Trennung von ihren Eltern zumuten könne oder nicht, und wie bei solchen Themen üblich, gab es so ziemlich alle Antworten von „na klar, auf jeden Fall“, bis „nein, unter keinen Umständen“.

Eine Bekannte erzählte mir von ihrem ersten kinderlosen Kurzurlaub – und davon, dass die Beziehung zu einem ihrer Mädchen im Anschluss derart gelitten habe, dass die Lage sich erst nach mehreren Wochen wieder regulierte. Sie fügte noch hinzu, dass eine befreundete Kinderpsychologin die Meinung vertrete, man solle Kinder unter drei Jahren grundsätzlich nicht von beiden Elternteilen gleichzeitig trennen, nicht einmal ein Wochenende, dies könne langfristige Schäden verursachen und das Vertrauensverhältnis, das man in den ersten Lebensmonaten ja systematisch aufgebaut habe, nachhaltig stören.

Auf der anderen Seite die coole Fraktion. Die Personen, die davon überzeugt waren, dass das „total okay“ sei, ein wichtiger Loslösungsprozess, könne ja auch „endlich mal“ den finalen Stillabsprung bedeuten, den wir noch immer nicht hinter uns haben. Außerdem sei es für Kinder doch auch von großer Bedeutung, dass ihre Eltern entspannt seien und mal wieder ein bisschen Zeit für sich haben, so käme es am Ende doch auch EUCH zu Gute?

img_0796
Countdown-Kalender: In der Nacht vor der Abreise versuchte ich mir mein schlechtes Gewissen wegzubasteln. 

Letzt genanntes Argument beruhigte und überzeugte mich mehr oder minder, und als Eure Großeltern anreisten und Ihr zwei bereits Sekunden nach ihrer Ankunft schon gar nicht mehr runter wolltet von Opas Schoß, war ich ganz guter Dinge. Ich schrieb eine lange Liste mit sämtlichen nötigen und unnötigen Hinweisen, malte Wegbeschreibungen zu Musikkurs, Kinderturnen & Co, legte Untersuchungshefte und Impfausweise bereit, verfasste eine Vollmacht für die Kita, und bastelte kurzerhand noch schnell einen Mama-Papa-Abwesenheits-Kalender: fünf Geschenke für jeden von Euch, eines für jeden Tag unseres Urlaubs, bestempelt mit dem passenden Wochentag. Ich war gut vorbereitet, und ich freute mich. Auf entspannte Tage in dem Hotel, in dem Euer Vater und ich einen unserer letzten kinderlosen Urlaube vor Eurer Zeit verbrachten – den Urlaub, in dem Ihr vor ziemlich genau drei Jahren und drei Monaten entstanden seid.

Ich freute mich, weil ich ja keine Ahnung hatte, wie groß Sehnsucht sein kann. Das Vier-Tages-Protokoll eines Urlaubs, den ich eigentlich hätte in vollen Zügen genießen müssen:

Montag.

IHR: seid die coolsten beim Abschied. „Tschüss Mama“, sagst Du, Theo, und legst nach, als ich Dich einen Moment zu lange drücke: „Geh mal, Mama! Theo nicht weint.“ Elli, Du sitzt gerade auf dem Klo, als der Taxifahrer klingelt, und wirfst mir lässig einen Handkuss zu, bevor ich auch Dir einen vorerst letzten Schmatzer auf die Schnute drücke.

img_0813
Dankbarer Empfang auf der Insel, und dieser Sonnenuntergang gehörte noch zu den eher unspektakulären (echt jetzt).

ICH: kämpfe mit den Tränen, und verliere den Kampf im Aufzug nach unten. Auf dem Weg zum Flughafen kullern sie nicht in Krokodils-, sondern in Dinosaurier-Ausmaßen über meine Wangen, und auch wenn Euer Papi natürlich cool tut, weiß ich, dass es ihm ähnlich schwer fällt. Ich ziehe in Erwägung, auf dem Weg zum Gate auszurutschen und mir ein Bein zu brechen (oder so), um umkehren zu können. Aber in Tegel fällt man (dank kurzer Wege) aus dem Taxi ja sozusagen direkt in den Flieger, und schwups, sind wir in der Luft.

Dienstag.

IHR: plappert so zuckersüß ins Handy Eurer Großmutter, erzählt von Eurem Tag. Dass Ihr beide etwas angeschlagen seid, nicht in der Kita wart, Du, Elli, sogar etwas Fieber hast, lasst Ihr Euch kaum anmerken – bis Du, Theo, versehentlich vom Stuhl rutschst. Du stößt Dir den Kopf am Tisch, was vermutlich zwar Auslöser, aber kaum alleiniger Grund für das Tränenmeer sein wird, das Du jetzt vergießt. „Mama Arm“, schluchzt Du.

img_0797
Bin nicht mehr so Selfie-erprobt, seitdem ich im Grunde nur noch Euch fotografiere. Ich übe weiter.

ICH: verfluche FaceTime dafür, noch keine Körperkontakt-Funktion erfunden zu haben, mit der ich Dir die Tränen aus dem Gesicht wischen, Dein Köpfchen einen Moment halten kann. Mir ist total klar, dass Eure Großeltern die Lage im Griff haben, Dich vermutlich drei Sekunden nach dem Ende unseres Telefonats wieder beruhig haben – und trotzdem heule ich mir die Augenringe wieder herbei, die in den letzten eineinhalb Tagen durch ausgiebigen Nachtschlaf von 13 (in Worten: dreizehn, ich wiederhole: DREIZEHN!) Stunden (am Stück!), Sonnenmomente am Pool, sinnloses Serien gucken mit Eurem Dad (voll gut, wie früher), Entspannungsminuten in der Sauna, Glücksgefühlen bei fantastischem Essen und wunderschönen Bergläufen zumindest etwas blasser geworden waren. Ja, es war doch super bislang – und jetzt droht mein Gewissen mich zu zerreißen. DREI Tage noch, wie soll das gehen?!

Mittwoch.

img_0816
Bergfest! Zur Wochenhalbzeit packt Ihr Magnetbücher aus, Oma schickt mir dieses Bild. 

IHR: scheint wieder fit zu sein. Packt Euer Geschenk des Countdown-Kalenders aus, während wir telefonieren, wir schauen zu und sind fast etwas beleidigt, dass Ihr Euch weniger für uns, dafür aber umso mehr für die Giraffen-, Schweine- und Papageimagnete interessiert, die Ihr hoch konzentriert in die zugehörigen Zoo- bzw. Bauernhofbücher klebt. Alles gut also, fast jedenfalls: Nachts habt Ihr offenbar lauthals nach uns gerufen, erzählt Oma.

ICH: checke erstmals verfrühte Rückflüge, während Euer Vater mich für verrückt erklärt, und sein Schwiegervater ihm per WhatsApp beipflichtet.

Donnerstag.

IHR: verbringt den Vormittag getrennt, Elli, Du machst doch nochmal Kita-blau, um wieder ganz gesund zu werden. Euer Opa schickt ein Video vom Spielplatz. Du in der Schaukel. „Wo ist Theo?“, fragst Du leicht irritiert (und nicht: „Wo ist Mama?“). Dein Bruder ist in der Kita, kommt aber heute ebenfalls mit Fieber nach Hause. Wir skypen wieder, und minutenlang schaust Du, Theo, einfach nur traurig in die Kamera. „Was ist denn los?“, wollen wir mehrfach wissen – keine Antwort. „Vermisst Du uns?“, fragt Euer Papi – und bricht damit alle Dämme. „Ja“, schluchzt Du, und beginnst bitterlich zu weinen.

img_0815
Hier ging’s noch: FaceTimen mit Euch beiden.

ICH: heule mit, das dritte Mal in vier Tagen, verdammt. Wir hatten heute ein großartiges Frühstück, Sonne satt, und sogar eine Massage unter freiem Himmel – aber Dein Anblick, Theo, macht mich komplett fertig. Nach dem Auflegen schnappe ich mir den Laptop, will am liebsten SOFORT zum Flughafen. Als ich sehe, dass heute kein Flieger mehr nach Berlin geht, stehe ich am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Ich will zu Euch, koste es, was es wolle.

Ein lieber Mensch, bei dem ich mich per WhatsApp ausheule, checkt spaßeshalber Privatjet-Preise: ok – in einem anderen Leben vielleicht. Realistischer, wenn auch komplett verrückt, das ist mir klar: Eine Billigairline bietet 89-Euro-Tickets für den ersten Flieger am nächsten Morgen, alles in allem komme ich auf 199 Euro und ein paar Zerquetschte. „Du willst unseren Flug morgen Nachmittag VERFALLEN lassen und 200 Euro ausgeben, nur um die Kinder fünf Stunden früher zu sehen?“, fragt Euer Papa mich und sich selbst vermutlich, ob er sich auf dieser Insel im Blitz-Verfahren scheiden lassen kann. „Ja“, antworte ich – und buche.

Unser regulär gebuchter Flieger wäre am späten Abend in Berlin, der Billigflieger landet schon um 15 Uhr. In Wahrheit sind wir demnach nicht nur fünf Stunden, sondern einen ganzen halben Tag früher bei Euch: Würden wir fliegen wie geplant, wärt Ihr sicher bereits im Bett, und ein aktives Wiedersehen würde sich bis Samstag ziehen – unmöglich. Ich mache also mein Ding, und nehme in Kauf, dass Euer Papi flucht, als heute früh um 5 der Wecker klingelt, wir noch vor Sonnenaufgang zum Flughafen düsen; und feststellen, dass der Nachmittagsflug nicht stornierbar ist und es demnach auch tatsächlich keine Kohle zurück gibt.

img_0800
Bald zu Hause. 

Tja, und jetzt sitze ich hier, ziemlich müde, obwohl mir das Aufstehen mitten in der Nacht nach nur viereinhalb Stunden Schlaf nie so leicht fiel wie heute – und bin aufgeregt, als sei ich selbst noch zweieinhalb.

Wisst Ihr was?

Sollen die, die behaupteten, man solle Kinder unter drei überhaupt nie alleine lassen, doch triumphierend „siehste“ sagen. Die, die im Vorfeld referierten, Videotelefonate würden die Sehnsucht der Kinder doch erst auslösen („früher hat es das schließlich auch nicht gegeben“), dürfen sich ebenfalls gern in ihrer weisen Voraussicht bestätigt fühlen. Und die „Lösungsprozess“-Kandidaten, die ihre Kinder mit vier Monaten abstillten, um drei Wochen Malediven-Urlaub machen zu können, halten mich vermutlich für ein vollkommen durchgeknallte Helikoptermutter.

Mir ist das alles egal. Hauptsache ist, dass ich Euch in wenigen Stunden wieder in die Arme schließen kann. Ich warne Euch mal vor: vermutlich lasse ich Euch frühestens Sonntag wieder los.

Bis gleich, meine Süßen!

Eure Zwillimuddi

P.S.: Vielleicht sollte ich ergänzen, dass dieser Urlaub unterm Strich wirklich gut tat, ich sehr entspannt zurückkehre, ein paar Sommersprossen gesammelt und ein bisschen Farbe bekommen habe, und vor allem: Eure Großeltern einen großartigen „Job“ gemacht haben. Schon klar: Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit hätten alle Beteiligten auch Plan A und die Konsequenzen des Nachmittagsrückflugs überlebt. Aber erstens gossen vermutlich die Abstillhormone (heiliger Bimmbamm!) noch ein bisschen Sprit in mein Sehnsuchtsfeuer, und zweitens, das wisst Ihr ja bereits, kann ich mitunter etwas theatralisch sein. Könnte sein, dass das in den kommenden 50 bis 70 Jahren noch das ein oder andere Mal passiert. Also gewöhnt Euch lieber schon mal dran.

P.P.S.: Euer Papi bat mich nach der Lektüre dieses Briefs darum, nochmals zu betonen, was für eine Schnapsidee diese Umbuchung aus seiner Sicht doch war. Habe ich hiermit erledigt. Zu meiner Verteidigung möchte ich sagen, dass die Billigairline ein ziemlicher Überraschungssieger war, wir zwei ganze Reihen am Notausgang für uns alleine und damit Beinfreiheit wie nie zuvor hatten – und ich keinen ausgegebenen Cent bereue, weil das Wiedersehen mit Euch wohl einer der allerschönsten Momente seit Eurer Geburt war. Ihr mit Blumen am Gate, 1000 schmatzende Küsse und dieses juchzende Ich-freu-mich-so-Lachen: unbezahlbar. 

Advertisements

14 Gedanken zu “Ich bin ne Muddi, holt mich hier raus! Wie ich unseren ersten kinderlosen Urlaub vorzeitig beendete

  1. Liebe Claudia,

    unsere Krümel sind gerade erst ein Jahr und alleine der Gedanke daran, sie alleine zu lassen, ist momentan noch undenkbar! Ich habe Tränen geweint, vor Rührung, weil ich mich sooo gut in Dich in diesem Beitrag hineinversetzen kann! Was würde ich für ein freies Wochenende oder einen Kurztrip geben? Alles! Und auch Nichts! Du weißt, was ich meine 🙈

    GLG Pippa

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Claudia, jetzt weine ich. Weil mich das so berührt. Und ja, weil ich das mit der Umbucherei vermutlich auch so getan hätte. Und es außerdem völlig piepe ist, ob andere das verstehen oder nicht. Liebe Grüße von Eva mit den Zwillingen Ole und Enie.

    Gefällt 1 Person

  3. Als Mutter und Zwillingsmutter kann ich das alles absolut nachvollziehen – auch wenn meine Zwillis schon 28 sind und der große Bruder noch älter. Aber ich hab genau das gleiche durchgemacht. Weiterhin viel Spaß – es kommen noch viele weitere großartige Zeiten!

    Gefällt mir

  4. Total süß – und verständlich!!:)
    Darf ich fragen welche Airline das war? Also die zusätzlich gebuchte? Ich suche aktuell nach günstigen Flügen nach Teneriffa, allerdings für einen Urlaub mit unseren 2 Kindern (und der Sohn heißt Theo!)

    Gefällt mir

  5. Liebe Claudia,

    habe gerade deinen Blog entdeckt und kann jedes Wort nachempfinden – hätte mir passieren können, inklusive Papas Kommentare ;-) (abgesehen davon, dass wir ein Einzelkind haben). Habe mich köstlich amüsiert und hoffe noch viel von dir mit so viel Herz, Selbstironie und Muddiliebe zu lesen! Danke für deinen großartigen Text! Alles Gute für euch!

    Liebe Grüße,
    Anke

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s