Warum ich ab morgen für den Nachbarn in Unterwäsche zu haben bin

GUSEITE
DA ist es. Mir ist ganz schwindelig.

Liebe Elli, lieber Theo,

MORGEN erscheint mein Buch, und ich weiß offen gestanden nicht, wann ich zuletzt so aufgeregt war. Vor Eurer Geburt vermutlich. Der Vergleich der Gemütslage ist gar nicht so an den Haaren herbeigezogen, denn in gewisser Hinsicht ist dieses Projekt ja sozusagen mein drittes Baby.

Allerdings gibt es einen nicht ganz unwesentlichen Unterschied:

-> Nach der Geburt von zwei Babys sind einem die Glückwünsche der Menschen da draußen ziemlich sicher.

-> Nach der Geburt eines Buches kann es natürlich ebenso sein. Muss es aber nicht.

Ob das Ding gut ankommt oder nicht, das steht bis mindestens morgen komplett in den Sternen. Aber wie auch immer: Ich möchte Euch in diesem Brief die Geschichte hinter dem Buch erzählen, denn solltet Ihr Euch eines Tages fragen, wie Eure Mutter auf die (zunächst ja eher irrsinnig erscheinende) Idee kam, künftig in den Buchhandlungen dieses Landes sozusagen lediglich in Unterwäsche bekleidet erhältlich zu sein – und zwar für den Nachbarn, den Chef wie für viele fremde Menschen gleichermaßen – dann erfahrt Ihr HIER zumindest, wie es dazu kam. Also:

Unmittelbar, nachdem Euer Papi und ich die Botschaft erhalten hatten, dass wir sozusagen das 2-für-1-Los gezogen hatten, kaufte ich so ziemlich alle Schwangerschaftsratgeber, die man in diesem Land so kaufen kann. Es waren tolle dabei: witzig geschriebene, gut illustrierte, umfangreich informative, schön bebilderte. Aber zwei Dinge, die fand ich nicht:

Erstens: Einen komplett authentisch gestalteten Ratgeber, der nicht romanmäßig, sondern eben auch informativ ist. Geschrieben von einer „stinknormalen“ Frau, die weder Model noch Medizinerin ist. Tatsächlich ist exakt das ja in den meisten Büchern so: Eine Hebamme / ein Arzt / ein Geburtshelfer kümmert sich um den fachlich-sachlichen Teil. Und bebildert wird der oft tendenziell trockene Stoff mit wunderschönen Damen, von deren Persönlichkeit man aber wahlweise gar nichts oder nur sehr oberflächlich erfährt.

Zweitens: Antworten auf Fragen, die sich die Frauen wirklich stellen, die nicht bloß ein Baby erwarten, sondern mehrere auf einen Schlag.

Micha
Meine Heldin hinter der Kamera: Micha. Vor ihrer Linse lief ich irgendwann nackt fast ungenierter rum als vor Euerm Dad

Ich beschloss also, einfach selbst so ein Buch zu schreiben. Und da mich mein Job in den vergangenen Jahren gelehrt hat, dass ein Text ohne Bild ein bisschen so ist wie ein Kuchen ohne Zucker, traf ich mich während der gesamten Schwangerschaft immer wieder mit meiner tollen Fotografin-Freundin Michaela Thewes, die optisch festhielt, wie mein Körper sich veränderte (bzw. wie ich immer dicker und dicker wurde).

Dann kamt IHR, und natürlich hatte ich fortan erst einmal Wichtigeres zu tun, als mich um dieses Buch-Projekt zu kümmern. Irgendwann im Sommer 2015 hieltet Ihr einen ziemlich langen Mittagsschlaf. So lang, dass ich kurzerhand einfach mal eine Art Exposé für einen Zwillingsschwangerschaftsratgeber schrieb – und es an GU schickte.

Es dauerte nur ein paar Tage, da rief der Verlagsleiter an. Er fände das gut, was ich da geschickt hätte, es gebe nur ein Problem: der Markt der Mehrlingsgebärenden sei zu klein, um mit einem expliziten Zwillingsschwangerschaftsratgeber erfolgreich zu sein. Tatsächlich kommen in Deutschland zwar immer mehr Mehrlinge zur Welt, doch in der Summe sind es mit rund 13.000 Zwillingsgeburten pro Jahr eben im Verhältnis zu den insgesamt knapp 740.000 Geburten doch nicht so viele. Der Verlag rechnete ein bisschen rum, wir brainstormten zusammen, und fanden dann: Irgendwie macht es ja Sinn, die breite Masse anzusprechen. Alle Schwangeren, denn sehr vieles ist eben doch gleich – egal wie viele Babys man im Bauch hat. Die Zwillingsfragen könne man ja trotzdem unterbringen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Im Dezember flog ich nach München, unterzeichnete den Vertrag. Meine Chefs in der Redaktion verlängerten mir dankenswerterweise sehr kurzfristig die Elternzeit um drei Monate – im Januar begann ich zu schreiben, im März mussten 192 Seiten Text fertig sein. Tatsächlich gab ich das Manuskript im Frühling ab, nur wenige Tage, bevor ich meinen „echten“ Job wieder anfing. Doch dann kam die Nacharbeit. Anmerkungen der Lektorin umsetzen, die schönsten Bilder aus tausenden Dateien herausangeln, Bildunterschriften machen, Danksagung formulieren, Umschlagklappe gestalten. Puh – all das hatte ich ganz schön unterschätzt.

Es war zwar nicht so ganz mein „erstes Mal“, 2013 habe ich schon einmal ein Buch geschrieben. Damals war es eine Biographie, ich war Ghostwriterin, hatte einen gewissen Abstand – und deshalb nicht einmal halb so viel Arbeit.

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Selfie mit dem Vorab-Exemplar. Ist in echt gar nicht so blass, wie es hier wirkt

Wie dem auch sei, jetzt ist es geschafft! Gestern bekam ich mein erstes Vorab-Exemplar. Ich habe mich bis jetzt nicht getraut, reinzuschauen. Aber allein es in der Hand zu halten, das fühlt sich gut an. Echt. Und als Ihr es saht, habt Ihr ganz schön große Augen bekommen: „Das ist Mama“, hast Du, Theo, gerufen. Elli, Du hast auf meinen dicken Bauch gezeigt, den ich auf dem Cover habe, Dich halb kringelig gelacht. Das war sehr witzig und sehr süß, auch wenn ich hoffe, dass Du die einzige bleibst, die sich so sehr darüber amüsiert.

Im Ernst, ich hoffe wirklich, dass ich in der Zukunft ein paar schwangeren Frauen mit diesem Buch ein bisschen helfen kann. Denn schwanger sein, das ist heute durch die verschiedensten Rollenanforderungen in der Gesellschaft vermutlich anstrengend wie nie zuvor: 

  • Eine Schwangere soll möglichst so schlank bleiben, dass sie von hinten nicht als Schwangere zu identifizieren ist. Gleichzeitig soll sie sich aber bitte so gut ernähren, dass es dem kleinen Menschen im Bauch an keinerlei Nährstoffen mangelt.
  • Eine Schwangere soll weiter arbeiten gehen – und nebenbei ganz locker die Vorsorge-Termine beim Frauenarzt, den Geburtsvorbereitungskurs, den Klinik-Infoabend, die Kreißsaal-Führung und die Hebammen-Dates absolvieren.
  • Eine Schwangere soll sich mit Wassergymnastik, Beckenbodentraining und Yogaverrenkungen fit halten – sich dabei aber selbstredend nicht überanstrengen, Stress vermeiden und schonend mit sich und ihrem Körper umgehen.
  • Eine Schwangere soll sich selbst schön fühlen, und es für den zugehörigen Mann auch sein. Sex: selbstverständlich inklusive! Auch in den letzten Tagen zum Wehen auslösen, das macht die Geburtsgeschichte noch spektakulärer.
  • Eine Schwangere soll – am besten in Woche fünf – einen Kita-Platz organisieren, die Anträge für Eltern- und Kindergeld vorbereiten – aber nicht spießig, sondern cool und lässig dabei wirken. Apropos cool und lässig:
  • Eine Schwangere soll auf Partys auch ohne Alkohol Spaß haben und nicht nur sorgenerfüllt auf der heimischen Couch rumhängen, um bei der nächsten „Merci“-Werbung in Tränen auszubrechen – es lebe die Schwangere, der man gar nicht anmerkt, dass sie schwanger ist.
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Mein Aufenthaltsort Nummer 1 in den ersten Schwangerschaftswochen: über der Kloschüssel.

Wieso eigentlich …?! 
Ja: Schwanger sein kann beflügeln, man kann sich besser fühlen als je zuvor. Wie großartig, diese vielen spektakulären Momente: der erste Herzschlag beim Ultraschall, die sanften Tritte im Bauch, die Verkündung der frohen Botschaft. 
Aber: Schwanger sein kann auch nerven. Die Kotzerei, Wasser in den Beinen, Pickel im Gesicht. 
Ich möchte mit diesem Buch zeigen, dass es trotz des stetigen Auf und Abs, trotz der sich komplett widersprechenden Rollenanforderungen möglich ist, diese einzigartige Zeit in vollen Zügen zu genießen. Ich möchte zeigen, dass es trotz der 132 675 000 Babys, die jährlich in diese Welt geboren werden, alles andere als gewöhnlich ist, schwanger zu sein – sondern dass jedes einzelne Kind und seine Entstehung ein Wunder der Natur ist. Ich möchte zeigen, dass eine Schwangerschaft die vielleicht abgefahrenste Zeit im Leben einer Frau ist – und wie wichtig und richtig es ist, genau diese emotionale Achterbahnfahrt auszukosten. Zu leben! Zu schätzen zu wissen!

Ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, genau das zu transportieren.

10Kap
IHR seid übrigens auch in dem Buch! Hier verdeckt Ihr freundlicherweise meine Restbabybauchpocke.

Und wenn nicht, dann habt IHR auf jeden Fall später eine ziemlich umfassende Übersicht darüber, wie genau Ihr entstanden seid. Wenn ich mir das so überlege: würde es das von meiner Mama, Eurer Oma, geben: Ich fände es ziemlich spannend. 

So, jetzt ist aber gut. Am liebsten würde ich ab morgen mal kurz zum Mond reisen, und so um die Weihnachtsfeiertage zurückkehren. Aber stattdessen bleibe ich natürlich bei Euch – und stoße morgen Abend mit ein paar Freunden auf’s Buch an. Denn die Freude, die ist am Ende doch ein bisschen größer als die Angst, dass es irgendwelche komischen Reaktionen gibt.

Drückt Ihr mir die Daumen, dass es gut läuft?! Dankeschön.

Eure Zwillimuddi

 

 

 

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6 Gedanken zu “Warum ich ab morgen für den Nachbarn in Unterwäsche zu haben bin

  1. Klingt super! Ich werde morgen direkt los watscheln und mir das Buch besorgen :-) Bin auch mit Zwillis schwanger und halte gerade alles in meinem Blog http://www.doppelherzchen.com fest – vielleicht kann ich meinen Kids dann auch irgendwann mal eine gebundene Ausgabe von ihren ersten Lebensjahren überreichen. Das wäre wirklich großartig. Alles Liebe für dich und deine Kleinen – bin schon ganz gespannt auf die vorstehende Schmökerstunde.

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