Mein Buch ist fertig. Und ich bin es auch!

Liebe Elli, lieber Theo,

am heutigen Donnerstag werde ich die wohl wichtigste Email der vergangenen zwei bis drei Jahre verschicken. Adressatin wird meine tolle Kontaktperson bei GU sein, und der Anhang wird aus einem rund 200 Seiten dicken Dokument bestehen. Mein BUCH! Das Manuskript ist fertig, endlich. Und ich bin es auch.

Seit elf Wochen habe ich Euch keinen Brief geschrieben. Ich war abgetaucht, wie ich es Euch an Silvester ankündigte. Und das war gut so. Denn in diesen zweieinhalb Monaten habe ich:

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Meine tägliche Aussicht der vergangenen Wochen.
  • …echt geschuftet, und zwar jede freie Minute, oft bis mitten in die Nacht.
  • …noch weniger geschlafen als im ersten Babyjahr mit Euch.
  • …Augenringe, Falten und bestimmt auch mein erstes graues Haar bekommen.
  • …manchmal geschwitzt und geflucht.
  • …dann, seltsamerweise meist unter Einfluss von alkoholfreiem Alster, wieder Schreibschübe gehabt.
  • …23498 Mal gedacht, dass ich nicht bis zum Abgabetermin fertig werde.
  • …23498 Mal gebetet, dass ich es doch irgendwie schaffe.
  • …es tatsächlich geschafft. Fast jedenfalls.
  • …die ekelige Zerreißprobe einer Working-Mom kennengelernt, und mehr als einmal ein schrecklich-schlechtes Gewissen gehabt, wenn ich nach der Kita die Babysitterin buchte, um noch schnell zwei Stunden weiterschreiben zu können.

Und IHR?

Seid während meines kleinen Tauchgangs erwachsen geworden, sozusagen. 20 Monate seid Ihr jetzt bei uns, ist das zu fassen? Schwupps, da dreht man sich einmal um, und schon ist das nächste viertel Jahr rum. Ihr seid plötzlich andere Menschen, macht Dinge, die sicher mehr oder weniger normal in diesem Alter sind – und trotzdem platze ich vor Stolz, wenn Ihr:

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Erstmal die Lage auf’m Spieli checken: meine großen Großstadtbabys!
  • …Euch gegenseitig beim Namen nennt. Allerdings heißt Ihr in Eurer Zwilli-Sprache nicht Theo und Elli, sondern Theo und Thea. Logisch irgendwie. Hätten wir auch selbst drauf kommen können.
  • …so ziemlich alle Bauernhoftiere realitätsgetreu (na gut: nahezu) imitiert, am herrlichsten klingt der Hahn (ungefähr so: „dldlidldladledl“).
  • …ins Töpfchen macht (mir doch egal, wenn die vier Erfolge bloß Zufall waren).
  • …Besuch mit „Halla“ begrüßt und mit „Schiss“ (die Vokale üben wir noch) verabschiedet.
  • …lautstark „tatütataaaaa“ ruft, wenn die Feuerwehr vorbeifährt und mir stolz jeden „Bagga“ zeigt, Euch aber angsterfüllt versteckt, sobald uns eines der beiden Fahrzeuge zu nahe kommt.
  • …Treppen alleine rauf- und runterstiefelt. Gute Geduldsprobe für Eure Mum (wieso mussten wir nochmal ins Dachgeschoss ziehen?!).
  • …Socken, Strumpfhosen, Pantoffel selbstständig auszieht (leider aber auch Windeln, vorzugsweise volle natürlich).
  • …“Eiss, Sweiii, Dei“ ruft, und uns dann von Couch/Mauer/Bett in die Arme springt, voller Urvertrauen, dass wir schnell genug da sind (waren wir bisher, kann ich bitte ein Stück Holz zum klopfen haben?).
  • …Eurem neuen Hobby nachgeht und malt. Jaja, nur Krickelkrackel, aber Ihr delegiert bereits 1A. „Auto?!“, befiehlst Du, Theo, und drückst mir den Stift in die Hand. „Teddy“, forderst Du, Elli, und bringst mich an meine Kreativ-Grenzen (Kunst – Schulnote 3). Eurer Vehemenz nach zu urteilen steht den Chefposten in 30 Jahren nichts im Wege.
  • …Euren Speiseplan selbst bestimmen. Ihr sagt „Affel“, wenn Ihr Apfel wollt. „Guke“, wenn Ihr Gurke wollt. „Kesse“, wenn Ihr Käse wollt. „Bina“, wenn Ihr Birne wollt. „Bana“, wenn Ihr Banane wollt – und „Besssssst“, wenn Ihr die Brust wollt.

Tja, und damit wären wir bei unserem alten Dilemma – und Eurem Papi. Der nämlich…

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Wir 3 neulich bei nem Brunch von Freunden. Für mich gab’s n Latte – und für Euch auch
  • …wünschte sich zu seinem gestrigen Geburtstag, dass ich endlich abstille.
  • bekam zu seinem gestrigen Geburtstag stattdessen einen Golfkurs.
  • …findet das doof. Also nicht den Golfkurs. Ihr wisst schon.
  • …ist davon überzeugt, dass eine erfolgreiche Brustentwöhnung erstens zur Folge hätte, dass Ihr endlich und für alle Zeiten durchschlafen würdet, und zweitens, dass wir doch dann auch unser wildes Partyleben aus der Zeit vor Eurer Existenz fortsetzen könnten.
  • …sieht nicht ein, dass höchstwahrscheinlich weder das eine noch das andere der Fall wäre – aber schon, dass Artikel wie dieser hier mehr Wahrheit enthält als ihm lieb ist. Denn diesen hier schickte er mir neulich selbst. Und da steht u.a., dass das durchschnittliche Abstill-Alter weltweit bei VIER Jahren liegt. Wir haben in der Theorie also noch exakt zwei Jahre und vier Monate Zeit, die Muttermilch-Produktion einzustellen.
  • …weiß insgeheim sehr genau, dass ich in diesen Stress-Wochen schlicht keine Kraft hatte, um abzustillen, und:
  • …hatte unterm Strich ganz schön Geduld und Nachsehen mit mir wegen dieser Buch-Nummer.

Natürlich tappten auch wir in die „Wer-macht-mehr“-Klischee-Elterndiskussionsfalle, und anfangs raubte es mir ganz schön Energie, mir am Wochenende ständig ein paar freie Stunden erkämpfen zu müssen (wohl gemerkt, um zu ARBEITEN, nicht um mir die Nägel fein machen zu lassen). Stress macht ja bekanntlich ziemlich dünnhäutig, das ein oder andere Mal flogen echt die Fetzen. Am Ende aber glätten ja oft die kleinsten Dinge die Wogen – wie zum Beispiel dieser Zettel, den ich gestern auf meinem Schreibtisch fand:

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Euer Papa. Hach. 

Gold wert war übrigens, dass nicht nur Eure Großeltern, sondern auch Eure Tante Anni und Schummel-Cousine Nina extra anreisten, um uns zu unterstützen. Ohne sie alle wären die 200 Seiten vermutlich nicht mal zur Hälfte gefüllt.

Natürlich aber war es, auch durch die Dauer-Besuchs-Situation, mitunter ganz schön trubelig. Ich habe mich bemüht, Euch nicht allzu viel von dem Stress mitkriegen zu lassen, aber: Ihr seid ja nicht blöd, und registriert natürlich viel mehr als wir naiven Erwachsenen immer meinen. Darüber tauschte ich mich diese Woche mit Christine, der anderen Zwillingsmama aus der Kita, aus. „Man kann den Kindern das Leben, wie es so ist, ruhig zutrauen“, sagte sie. Sicherlich gilt diese These nur mit Einschränkungen, aber irgendwie besänftigte sie mich – auch, weil ich merke, dass Ihr das hier alles ganz schön cool mitmacht.

Mal abgesehen davon ist HEUTE Schluss mit Stress: 

Heute Abend, nachdem ich (vermutlich um 23.59 Uhr, ich konnte noch nie nicht auf den letzten Drücker fertig werden) meine Mail verschickt habe, werde ich unsere Koffer packen. Denn morgen Mittag steigen wir in den Flieger und düsen in die Sonne. Eine Woche: NICHTS tun. Keine einzige Zeile schreiben (Ausnahme: ein paar wenige vielleicht in Eurem nächsten Brief). Für Euch da sein. Mit Euch zusammen sein. Kuscheln. Jeden Tag vorlesen so viel Ihr wollt. Malen, meine Teddybären werden immer besser. Zwischendurch die Füße hoch. Kühler Drink am Pool. Auf’s Meer schauen, den Horizont anstarren. Nur so da liegen, Figuren in Wolkenformationen entdecken. Und dann wieder voll bei Euch sein, toben, singen, tanzen, lachen, Sandburgen bauen: Ich kann es kaum erwarten.

Eure (erschöpfte, niemals so urlaubsreif gewesene) Zwillimuddi

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