Angst vor Kita & Co.: Bin ich eine Helikoptermama?

imageLiebe Zwillis,

in unserem großen Bücherregal (das kennt Ihr ziemlich gut, weil Ihr es derzeit täglich etwa fünf Mal aus- und natürlich nicht wieder einräumt) im Wohnzimmer steht ziemlich mittig ein abgegriffenes Taschenbuch, das seit ein paar Jahren zu meinen Lieblingsbüchern zählt. Es heißt ,Hectors Reise’, und ist eines dieser Bücher, die man innerhalb eines halben Urlaubstags mal eben weglesen kann. Es ist so schön schlicht geschrieben, und trotzdem voller kleiner Weisheiten, die ich mir im Alltag gerne und immer wieder in Erinnerung rufe. Eine dieser Weisheiten geht so:

„Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen.“

Der französische Autor hat ja sowas von Recht mit dieser These – und eigentlich habe ich diesen Satz irgendwann einmal so verinnerlicht, dass ich mein Leben längst nicht mehr mit dem der Anderen vergleiche. Irgendwer ist ja doch immer schlauer/schöner/schneller, reicher/redegewandter/reifer und so weiter.

Tatsächlich gelingt mir das sogar mit Euch: Wenn wir mit anderen gleichaltrigen Babys zusammen sind, ist mir völlig wurscht, ob irgendwer schon mehr Zähne hat, bereits schnellere Schritte macht als Ihr oder seinen Brei braver verdrückt. Ihr seid zwar entwicklungstechnisch wirklich gut dabei, aber selbst, wenn das nicht so wäre: Ihr seid einfach IHR, und es gab wohl noch nie ein Kind, das nicht irgendwann alle Milchzähne hatte / laufen lernte / essen konnte.

Diese Woche aber kam ich nicht umher, mich selbst mal an anderen Mamas zu messen – und mich daraus resultierend ernsthaft zu fragen, ob ich mich möglicherweise gerade zur Helikoptermutter entwickele. HILFE!

Wie ich darauf komme? Drei Momentaufnahmen.

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Sportsfreundin Patricia (l.) und ich gestern im Mauerpark. In Sachen Abstillen ist sie mir schon vor Monaten davon gesprintet

Freitagfrüh. Ich treffe Patricia, eine liebe Kollegin aus der Redaktion. Ihr Sohn August ist drei Monate jünger als Ihr – und trotzdem hat sie schon vor Monaten den Still-Absprung geschafft, kam mal herrlich verkatert zum Mama-Sport, den wir mittwochs zusammen im Mauerpark machen. „Wir starten bald mit der Eingewöhnung in der Kita, gehen immer schon zum Spielen hin“, erzählt sie mir jetzt, „ich fange ja im Oktober schon wieder an zu arbeiten.“

Mamas, die wieder arbeiten, obwohl ihre Kinder jünger sind als Ihr: davon habe ich gerade mehrere im Bekanntenkreis. Ich kehre erst im Januar in den Job zurück. Dass ich mir mit zwei Kindern 18 statt 12 Monate Elternzeit gönne, muss ich nur selten rechtfertigen. Aber dieses Kita-Thema, das macht mir Bauchweh, seit Wochen schon.

Mann, wir hatten unfassbares Glück, haben in der Kita gleich gegenüber zwei Plätze bekommen. Eigentlich solltet Ihr dort seit drei Wochen sein, damit Ihr genug Zeit habt, Euch an die Umstellung zu gewöhnen, und ich mich noch um ein paar Projekte in Wohnung und Haushalt kümmern kann, bevor ich wieder in die Arbeitswelt eintauche.

Jetzt aber zögere ich den Start Woche für Woche hinaus. Die Vorstellung, Euch „abzuschieben“, obwohl ich noch zu Hause bin, finde ich gruselig. Jedem, der mir sagt, wie gut Euch die Kita tun wird und wie normal das heutzutage ist, halte ich entgegen: mehr Liebe und Zuwendung, eine bessere Betreuung (weil 1:2 statt 4:22!) als bei mir könnt Ihr doch gar nicht bekommen. Verflucht, Ihr habt doch gerade erst die ersten Schritte gemacht. Ihr könnt weder sagen, was Ihr wollt noch geht Ihr alleine zur Toilette: Ihr seid einfach noch zu klein, drei (!!!) Jahre jünger als ich bei meinem Antritt im Kindergarten. Ihr seid meine Babys, und viel zu jung für die Kita. Oder?!

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Ihr mit Eurer Großcousine Tabea, die gerade das erste Mal in ihrem Leben Urlaub ohne Eltern macht

Samstag, wir sind auf der Hochzeit meines Cousins Pascal, Ihr amüsiert Euch prächtig mit seiner Tochter Tabea, die wie Ihr im Juli 2014 zur Welt kam. Auf Eurer Spieledecke sitzend plaudern wir über die Flitterwochen des Brautpaars, übermorgen geht’s nach Costa Rica. „Tabea bleibt ja bei uns“, erzählt meine Tante Silke. „Und die zweite Woche verbringt sie bei den anderen Großeltern.“ Euer Papi und ich tauschen wortlos neiderfüllte Blicke aus.

Versteht mich nicht falsch, wir wollen Euch natürlich nicht loswerden. Aber zwei Wochen Wellness-Urlaub ohne Windeln im Gepäck – das klang verdammt nochmal sehr verlockend.

Es ist nicht so, als seien bei uns nicht ähnliche Rahmenbedingungen vorhanden: Ihr habt patchworkfamilien-bedingt sozusagen fünf Großelternteile, und jedes einzelne geht so toll mit Euch um, dass wir keinerlei Bedenken hätten, Euch dort zu lassen. Auch Fremdeln ist nicht das Problem, Ihr seid im Großen und Ganzen ziemlich zutraulich (es sei denn, Ihr seid sehr sehr müde oder sehr sehr hungrig).

Aber an dieser Stelle landen wir wieder beim Abstill-Dilemma (ja, das ist immer noch akut). Und damit sind wir vom alleinigen Elternurlaub derzeit weiter entfernt als es Costa Rica von Berlin ist.

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Helikopter-Mama? Zumindest zwischen circa zwei und sechs Uhr nachts kreise ich schlafwandelnd durch Euer Kinderzimmer

Gestern Nachmittag. Euer Kumpel Oskar ist mit Mama Wiebke zu Besuch. Bei Kaffee und Keksen reden wir über die Nächte: „Wir legen Oski abends in sein Bett, und da schläft er alleine ein, manchmal dauert das keine 30 Sekunden“, erzählt Wiebke, „er hat immer zwei Schnullis im Bett und weiß das auch. Wenn er nachts wach wird, beruhigt er sich oft selbst.“

Bei uns ist das derzeit so: Zum Einschlafen wird – na klar – auch weiterhin gestillt. Dann lege ich Euch in Eure Betten im Kinderzimmer, mich ein paar Stunden später mit Eurem Papi ins Schlafzimmer. Dort schlummere ich zunächst wie ein einigermaßen normaler erwachsener Mensch – bis der erste von Euch wach wird. Schlaftrunken torkele ich rüber, und was in den kommenden Stunden passiert, habe ich meist morgens vergessen oder verdrängt, fest steht: Wenn Euer Papi gegen sieben aufsteht, findet er mich in der Regel wie ein zusammengekauerter Hund (das sind seine Worte!) auf einer Matratze zwischen Euren Betten – mit Euch zusammen, versteht sich.

Mein Rücken ist da anderer Meinung, aber MICH stören diese Nächte inzwischen kaum noch. Denn erstens halte ich nichts von diesen Schlaflern- und Schreienlassen-Programmen, zweitens bin ich zu müde, um Euch zu schuckeln statt zu stillen, weil ich dabei nicht weiterschlafen kann – und drittens finde ich bekanntlich: wenn Ihr nachts die Brust noch braucht, sollt Ihr sie doch bitte bekommen. Ich brech’ mir deshalb ja keinen Zacken aus der Krone.

Tja, aber unterm Strich klingt das alles dann eben wirklich nach Gluckenmutter. Und genau die will ich nicht sein: Ich will Euch so viel Freiräume geben wie möglich und Euch dabei nur so viele Grenzen setzen wie nötig. Ich will Euch loslassen, um Euch danach wieder fest in die Arme schließen zu können. Ich will – wie es auch Patricia, Pascals Braut, Wiebke und jede andere Mama für ihr Kind will – das Allerbeste für Euch. 

Und deshalb gibt es zumindest mal einen kurzfristigen Zweieinhalb-Punkte-Plan:

Erstens: gestern war ich in der Kita, und habe den Vertrag für Eure Plätze endlich unterschrieben. Betreuungsbeginn: 1. Oktober, das ist jetzt fix und ein guter Kompromiss, finde ich (die verbleibenden 23 Werktage, an denen wir zu Dritt hier zu Hause sind, werde ich doppelt und dreifach genießen!). Zweitens: Morgen sind wir auf Hochzeit Nummer 3 in diesem Monat – damit Euer Papa und ich feiern können, schlaft Ihr bei Eurem Opa und Eurer Stiefoma (das ist jedenfalls der Plan). Und drittens, ach nein, zweieinhalb, na gut: zwischen Euren Betten liegen jetzt ZWEI Matratzen. Damit wir mehr Platz haben als ein kauernder Hund.

Alles andere wird. Denn wie war das noch gleich? „Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen“ – und das wäre schade drum, denn Ihr seid nach wie vor das größte Glück der Welt. 

Ich liebe Euch!

Eure Zwillimuddi

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4 Gedanken zu “Angst vor Kita & Co.: Bin ich eine Helikoptermama?

  1. Liebe Claudi, Ich weiß noch, dass ich ernsthaft eifersüchtig auf Oma und Opa war, wenn wir unsere Beiden im Babyalter einmal zum Übernachten dorthin „abgeschoben“haben und beide nicht nur durchgeschlafen sondern auch brav und ohne Murren alles gegessen haben, was ihnen dort angeboten wurde!
    Liebe zu den eigenen Kindern ist anders als die Liebe zum Partner, ich besser oder schlechter oder weniger oder mehr, eben anders und nicht wirklich erklärbar!
    Hugs and kisses
    Mutter Heike

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Claudia,

    entspann dich! Du bist weit entfernt von Gluckenmutter nur weil du noch stillst und Angst vor der Kita hast. Ganz ehrlich: mach, was dein Herz sagt! Unsere Große kam mit 2 in die Kita und ich habe es bereut – 3 wäre besser gewesen. Unsere Kleine kommt (wahrscheinlich) im Oktober, im Januar wird sie 3. Früher und auch außerhalb der Großstädte (und Osten) ist das völlig normal. Die Mäuse fangen erst mit 2,5 Jahren an miteinander zu spielen, davor macht jeder seins nebeneinander. Und schön reden kann ich auch nichts, die Eingewöhnung ist hart, für alle. Klar, wenn es geschafft ist, hast du mal entspannte Vormittage, aber die kann Mama sich auch regelmäßig mit einer Babysitterin gönnen.
    Lange Rede…mach dir keine Vorwürfe, mach wie es sich für dich und die Zwillis gut anfühlt. Sie sind nur ganz kurz so klein!
    Liebe Grüße,
    Christina (deine ehemalige Kollegin)

    Gefällt 1 Person

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