Ciao Kakao, entspanntester Sommer aller Zeiten – hallo neuer Lebensabschnitt!

Liebe Elli, lieber Theo, 

der letzte Eintrag hier ist unglaublicherweise gut zwei Jahre her, deshalb weiß ich kaum, wo ich anfangen soll, weil seitdem natürlich ca. 23424987 Dinge passiert sind. Ich versuche es mal mit einem Sprung, der nicht ganz so weit, sondern nur etwa ein halbes Jahr zurückgeht. Denn da gab es etwas, das mir so richtig den Boden unter den Füßen wegzog:

Es war an einem Montag im März, als ich – völlig überraschend und in einem Gespräch, das ursprünglich überhaupt nicht als solches gedacht war – die betriebsbedingte Kündigung kassierte. Ich saß im Büro meines Chefs, wollte eigentlich über Ressourcen, neue Projekte und Veränderungen im Team reden; und hakte etwas intensiver als beabsichtigt nach, weil ich bemerkte, dass die Miene meines Gegenübers eine deutlich ernstere als üblich zeigte. Als er aufstand, die Tür schloss und sich mit traurig-besorgtem Blick, den ich in dieser Form noch nie bei ihm gesehen hatte, wieder setzte, realisierte ich: Die imaginäre Eisenbahn, mit der ich noch vor fünf Minuten gedanklich durch einen bunten Ideendschungel in Richtung Zukunft gefahren war, war offensichtlich mit Vollgas auf dem Weg gen Abstellgleis.

Obwohl ich rational betrachtet verstand, dass dies weder sein noch mein Verschulden, sondern wegen der stetig-katastrophalen Entwicklung der Medienbranche zahlenbedingt unausweichlich war, schoss mir ein kleiner See in die Augen. Mein Körper schlug Alarm und signalisierte mir, dass er nun gerne vom Stuhl kippen würde. Ich befahl ihm, noch ein paar Minuten durchzuhalten – um kurz darauf in den Armen von Anja (die mit Euch schon bastelte und backte und längst mehr Freundin als Lieblingskollegin ist) heulend zusammenzuklappen (nachdem wir die Redaktion mit gestellt-gefassten Gesichtern verlassen hatten).

Ich weinte um meine große Liebe. Denn wenn es so etwas im Job gibt, dann war diese Position für mich genau das: ein Volltreffer. Vier Jahre lang und nahezu jeden Tag (vielleicht abgesehen von den absurd-stressigen Corona-Homeoffice-Homeschooling-Phasen).

Zum Ende derselben Woche spazierten mein künftiger Ex-Boss und ich mit Kaffee an der Alster entlang und besprachen unsere Trennung. Ein paar Wochen blieben mir nun noch. Ich brachte zu Ende, was ich angefangen hatte, versuchte das Traumjob-Finale zu genießen, feierte meinen Ausstand mit den welttollsten Kollegen.

Zum 1. Juni meldete ich mich zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos. Und hatte plötzlich Zeit – viel mehr Zeit als überhaupt irgendwann in den vergangenen Jahren. In den ersten vier Wochen erledigte ich morgens, wenn Ihr in der Schule wart, all die Dinge, die in den vergangenen Monaten (räusper: Jahren) so liegengeblieben waren: Ich räumte den HWR aka Rumpelkammer auf, machte meine Steuererklärung, sortierte längst zu klein gewordene Klamotten aus Euren Kleiderschränken. Etwas verrückt: Dass ich an stinknormalen Vormittagen auf einmal auch wieder Zeit für Sport, zum Lesen, Rumschaukeln in der Hängematte und Bummeln oder Frühstücken mit Freundinnen hatte, musste ich erst wieder richtig lernen. Ich glaube, nach sechs Wochen habe ich mich zum ersten Mal bewusst mit einem Kaffee auf die Couch gesetzt – und mal fünf Minuten überhaupt nichts gemacht.

Viel leichter fiel mir das Faulenzen mit Euch zusammen. Fast täglich radelten wir nach Schulschluss zum See. Wir spielten, lasen, lachten, planschten, kuschelten, quatschten, spuckten Kirschkerne so weit es ging, sprangen hunderte Male von der Badeinsel ins Wasser, schwammen mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen.

Ich habe Euch hier ja in diversen Briefen schon rauf und runter gepredigt, dass es eine gute Idee ist, auch an miesen Dingen das Gute zu sehen – oder zu suchen. Im Falle meiner Kündigung musste ich (nach dem ersten Schock) tatsächlich weder lange suchen noch genauer hingucken: Mit jeder Stunde am See, mit jedem Blick, den wir von unserer Picknickdecke aus in die Wolken warfen, entpuppte sich die Kündigung ein Stückchen mehr als Geschenk des Himmels. Dieser Selfcare-Summer, den das Universum oder wer auch immer mir da geschickt hatte, war mehr als Gold wert – und tatsächlich auch für so ziemlich alles in mir dringender notwendig, als ich es mir vorher je eingestanden hätte.

Doch so sehr ich die freie Zeit auskostete, so wehmütig wurde ich zeitgleich. Denn je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass der unfreiwillige Schlussstrich im Job nicht der einzige Abschied in diesem Jahr bleiben würde. Müsste man eine übergeordnete Vokabel für unser Jahr 2024 finden, dann wäre es wohl: LOSLASSEN.

Dankenswerterweise auf einer sehr harmlosen Ebene, es ist glücklicherweise niemand in unserem direkten Umfeld gestorben, schlimm krank geworden oder sonst irgendwie von uns gegangen.

Dennoch: Auch Euer Leben war voller kleiner Abschiede in diesem vierten Grundschuljahr. Im zweiten Halbjahr gab es diverse letzte Male: Das letzte Schulfest, der letzte Flohmarkt auf dem Schulhof, die letzte Orchester-Vorführung, der letzte Ausflug mit all den Kindern, mit denen Ihr seit der Vorschule insgesamt nun fünf Jahre zusammen wart. Der letzte Grundschultag, der letzte Schritt durchs Schultor, den Ihr herrlich filmreif-feierlich Hand in Hand mit Euren Freunden gingt.

Zu Eurem zehnten Geburtstag im Juli legte ich mich ein bisschen mehr als sonst ins Zeug, denn immerhin hattet Ihr nicht nur die erste zweistellige Zahl zu feiern, sondern ich auch mein doppeltes 10-Jahre-Mama-Jubiläum. Wir stießen mit unseren Lieblingsmenschen auf Euch, das Leben, den Beginn der großen Ferien an. In den vergangenen Jahren fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt meist urlaubsreif, ausgelaugt. Dieses Mal startete ich bereits einigermaßen ausgeglichen in den Urlaub an unserem geliebten Lago.

Und genoss die zwei Wochen hier noch ein bisschen bewusster als sonst. Versteht mich nicht falsch: Ich freue mich natürlich auch auf das zweite Jahrzehnt mit Euch. Sehr sogar! Aber ich weiß auch: Es wird nie wieder so verspielt und verkuschelt und kindlich und zuckersüß sein wie jetzt. Die Pubertät wird kommen, und wenn Ihr nur ein Siebtel so anstrengend werdet wie ich als Teenager, dann wird’s wild. Fragt mal Oma und Opa, sie wissen zu gut, wovon ich rede.

Und das ist auch der Grund für den nächsten Abschied, der mir hier gerade extrem passend erscheint: Dies wird der letzte Brief sein, den ich Euch auf dieser Seite (die irgendwie eben auch etwas in die Jahre gekommen ist, und Bloggen erscheint mir so 2010ig) schreibe. Zum einen kann man mit Euch inzwischen herrlich gut über so ziemlich alles reden (am liebsten händchenhaltend bei unserer abendlichen Runde um die vier Ecken), zum anderen braucht es für diesen nächsten Lebensabschnitt vollumfängliche Privatsphäre für Euch. Wenn Ihr das erste Mal verknallt seid, ist das nun mal etwas ziemlich anderes als wenn’s um verlängerte Mahlzeiten an der Mama-Milchbar, versehentlich verschluckte Geldstücke oder unseren absurden Vorsätze als Neu-Eltern geht.

Keine Sorge: Ich schreibe Euch weiter! Aber vielleicht lieber ganz oldschool mit meinem Füller und lediglich für Euch. Nur zwei Dinge noch an dieser Stelle:

Als Ihr letzte Woche Montag in der Aula Eurer neuen Schule aufgerufen wurdet und mit Euren neuen, riesigen Schulrucksäcken die Bühne betratet, bekam ich kurz Gänsehaut, auch der Tümpel in meinen Augen war zurück. Sage ich oft genug, wie unfassbar stolz ich auf Euch bin, meine beiden großen Fünftklässler? Ihr seid und bleibt das Beste, was mir je passiert ist. Und ich freue mich auf jede weitere neue Tür, durch die wir gehen.

Apropos neue Türen: Mein Konto denkt inzwischen, ich sei verrückt geworden. Die doppelte Ausstattung für die weiterführende Schule hat schätzungsweise so viel gekostet wie mein erstes Auto im Mai 2000, und eine dicke Hochzeitsparty zu schmeißen ist (zumindest aus finanzieller Sicht) ohne aktuelles Einkommen auch nur eine halbgute Idee (toll war’s trotzdem!). Ab Montag geh ich wieder arbeiten. Nicht nur, um die Bank zu beruhigen. Sondern weil sich ohne großen Bewerbungsmarathon etwas ergeben hat, auf das ich mich jetzt richtig freue.

Ciao Kakao, Du entspanntester Sommer aller Zeiten. Hallo neuer Lebensabschnitt!


Ein Gedanke zu “Ciao Kakao, entspanntester Sommer aller Zeiten – hallo neuer Lebensabschnitt!

  1. Ich wünsche dir nur das Beste für deinen neuen Lebensabschnitt! Ich kann so gut verstehen, wie wichtig Privatsphäre gerade mit heranwachsenden Kindern ist – das hast du sehr schön beschrieben. Wahnsinn, wie groß deine beiden schon geworden sind!
    Letzten Sommer habe ich selbst meinen Job verloren und war anfangs ziemlich am Boden zerstört. Ich wusste nicht so recht, wohin mit mir, und habe viel Zeit zuhause verbracht. Irgendwann fing ich an, unsere Wohnung zu renovieren – und dabei gemerkt, wie gut mir das tat. Ich habe mir besseres Werkzeug aus einem Schweizer Onlineshop geholt und richtig angefangen, Möbel aufzubereiten. Auf einem Flohmarkt habe ich dann eine Frau kennengelernt, die Möbel restauriert und verkauft. Sie suchte Unterstützung – und heute arbeite ich bei ihr.
    Manchmal führt das Leben uns auf Umwege dorthin, wo wir eigentlich hinmüssen, auch wenn wir es im ersten Moment nicht sehen.
    Dir wünsche ich von Herzen alles Gute und ganz viel Glück auf deinem neuen Weg!

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Carolina Antwort abbrechen