Um Himmels willen: Warum wir keine Kirchensteuer zahlen, Euch aber trotzdem taufen lassen

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Die Einladung zu Eurer ersten großen Party – rund 50 liebe Menschen haben zugesagt

Liebe Zwillis,

übermorgen ist Eure Taufe. So stand es zumindest auf den Einladungskarten – eigentlich aber darf man dieses Fest nicht so nennen, wie mein Lieblingsonkel Kille mich schon vor Monaten ermahnte.

Und er hat Recht: wir gehen nicht in die Kirche, sondern feiern unter freiem Himmel. Die Predigt wird kein Pfarrer, sondern ein freier Theologe halten, und das Wasser, das über Eure Köpfe fließen wird, ist nicht geweiht, sondern naturtrüb, weil es aus dem See vor unserer Datsche kommt.

Klingt nach einer Schummelnummer?

Nö. Im Gegenteil. Es ist ehrlicher als das, was heute so viele machen: nicht nach dem christlichen Glauben leben, mit der Kirche eigentlich nix am Hut haben, zum Taufen aber trotzdem hingehen. Genau das wollten wir mit Euch nicht tun, und es ginge auch gar nicht, weil Euer Papa schon seit Jahren keine Kirchensteuer zahlt, und auch ich bin vor einigen Jahren ausgetreten.

Warum wir dann trotzdem eine Art Taufe wollen?

Grund 1: Wir wollen Euch für Euren weiteren Lebensweg segnen lassen.

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9. Mai 1991: Eure Mama als frommes und sehr glückliches Kommunionkind

Denn dass wir nicht in der Kirche sind, heißt nicht, dass wir nicht an Gott glauben. Wisst Ihr, Eure Großeltern haben mich nicht streng, aber ziemlich ernsthaft katholisch erzogen. Sonntags gingen wir in die Kirche, in der Adventszeit sogar mittwochs um 6 Uhr in den Frühgottesdienst. In der Fastenzeit gab’s keine Süßigkeiten, vor dem Einschlafen haben wir gebetet. Mit neun Jahren habe ich die erste heilige Kommunion empfangen, war danach jahrelang Messdienerin. Gelesen habe ich in der Kinderbibel, viele meiner Lieblingslieder stammten aus dem grünen Halleluja-Heft.

Später besuchte ich zwar nur noch unregelmäßig Gottesdienste, verstand aber nie die Leute um mich herum, die aus der Kirche austraten – bis ich mich 2010 als Reporterin wochenlang mit den Missbrauchsfällen an Jesuitenschulen beschäftigte. Ich sprach mit so vielen Opfern, dass ich nicht umhin kam, mich ernsthaft mit der katholischen Kirche auseinanderzusetzen und viele Dinge zu hinterfragen. An einem Mittwoch im März fuhr ich in der Mittagspause zum Bürgeramt und kündigte den Katholiken meine „Mitgliedschaft“. Seitdem spare ich mehrere Hundert Euro im Jahr, und bemühe mich, zumindest mit einem Teil dieses Geldes Gutes zu tun.

Wisst Ihr, was verrückt ist? Seitdem Ihr da seid, überlege ich tatsächlich, wieder in die Kirche einzutreten – und wie Eure Tante einfach evangelisch zu werden. EUCH möchte ich diese Entscheidung allerdings nicht abnehmen. Das könnt Ihr selbst tun, wenn Ihr alt genug seid. Einverstanden? Euer Papa und ich wollen Euch nicht in eine Richtung drängen – wir verheiraten Euch schließlich auch nicht in der Hoffnung, dass das schon irgendwann passt.

Grund 2: Wir wollen Euch offiziell willkommen heißen!

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Bastel-Orgien: Seit Tagen kümmere ich mich um die Deko für Euer Fest – wenn Ihr mich lasst

Euer Papi und ich haben wirklich schon unwichtigere Gründe zum Anlass genommen, ne dicke Party zu schmeißen. Da wäre es seltsam, wenn wir für Euch – das Beste, was uns je passiert ist – nicht langsam mal ein Willkommensfest veranstalten würden. Wir finden den Gedanken schön, Eure Geburt und Euer Dasein, Euer erstes Lebensjahr mit der Familie und den besten Freunden zu feiern. Ihr werdet noch merken, dass Eure Mama solche Feste liebend gern organisiert; seit Tagen bastele ich Tischkärtchen, Girlanden und Papierschmetterlinge (und treibe Euren Papa damit noch in den Wahnsinn).

Außerdem: Laut Duden ist die Taufe ein Sakrament, durch das man in die Gemeinde aufgenommen wird – die Auffassung über Durchführung, Voraussetzungen und Wirkung des christlichen Ritus sind aber nicht klar definiert. Also machen wir das selbst: Mit diesem Fest am Samstag werdet Ihr schließlich in eine Gemeinde aufgenommen; und zwar in UNSERE, bestehend aus all unseren lieben Familienmitgliedern und Freunden. Herzlich Willkommen, meine Süßen!

Grund 3: Wir wollen Euch Paten an die Hand geben.

Und dabei denken wir nicht an den Worst Case „Was wäre, wenn uns etwas zustößt…“, sondern eher an Alltagssituationen, in denen Ihr einen erwachsenen Freund, Berater, Mentor, Begleiter braucht, wenn Eure Eltern gerade mal nicht die richtigen Ansprechpartner sind. Glaubt mir, es wird noch viele Dinge geben, die Ihr nicht mit uns besprechen wollt. Und auch zum Quatsch machen sind Paten toll, das weiß ich ziemlich genau. Denn besagter Lieblingsonkel Kille, der ist mir seit über drei Jahrzehnten ein solch perfekter Pate.

So, und jetzt wieder Vollgas am Basteltisch, damit übermorgen alles hübsch wird. Kürzlich sagte jemand, dass Taufen ja die neuen Hochzeiten seien – totaler Hype. Ich mag den Hype. Und freue mich auf Samstag. Das wird EUER Tag!

Eure Zwillimuddi

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