Wie ein irrer Autodieb am Alex meine Cake-Pops zermatschte

Liebe Elli, lieber Theo,

eines mal vorweg: ich werde nie (NIE!) wieder auf die irrsinnige Idee kommen, Motiv-Cake-Pops zu backen. Dafür habe ich gestern schätzungsweise 2/3 meines eigentlich freien Tages geopfert – was okay wäre, wenn das Ergebnis gestimmt hätte. Wenn dann aber 30 Prozent zerbröseln bevor sie überhaupt ihr erstes Kuvertüre-Bad genießen können, 25 Prozent einfach nur (Verzeihung:) beschissen aussehen, weitere 25 Prozent bei der Rumpel-Fahrt über Kopfsteinpflaster drauf gehen – und die restlichen 20 Prozent von einem irren Autodieb, der mit 80 Sachen über den Alex rast, zermatscht werden: dann ist das nicht nur eine komplette Ressourcenverschwendung, sondern ein einfach nur ein derart bizarrer Tag, der damit endete, dass Eure Zwillimuddi sich abends erst einmal schluchzend mit einem Glas Rotwein den Schock von der Seele trinken musste – an einem Einzeltisch beim Spanier.

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Meine Cake-Pops, die eigentlich gar keine waren (weil nicht rund und so). Das Bild im Hintergrund kündigt absurderweise schon an, wo sie später verunglücken werden

Aber genug gespoilert, ich versuche es chronologisch. Ich buk (ja, dieses Wort gibt es wirklich) also, und verfluchte mich dabei in etwa 200 Mal selbst. Dafür, dass die Streber-Muddi in mir sich durchgesetzt hatte und ich nicht dem ersten Gedanken gefolgt war und einfach die weltleckersten Zimtschnecken von „Zeit für Brot“ für diese Weihnachtsfeier in Eurer Kita geholt hatte. Stattdessen stand ich da, rührte drei verschiedene Teig-Sorten an (JA: ICH SPINNE), verwüstete logischerweise die gesamte, eigentlich zuvor so schön aufgeräumte Küche, schnitt die fertig gebackenen Kuchen in Scheiben und stach (zu diesem Zeitpunkt dank dudelnder Weihnachtsmusik im Radio noch verhältnismäßig gut gelaunt) Sterne, Tannenbäume und Schneemänner aus. Tatsächlich machen diese Formen es einem nicht unbedingt leichter, denn am Ende braucht man für die 360-Grad-Verzierung jedes einzelnen Teils eine gefühlte halbe Stunde, was vor allem dann ganz toll ist, wenn das Ding in sich zusammenfällt, sobald man vorsichtig versucht, den Stil hineinzubohren.

Aber was soll’s, gegen 15 Uhr machte ich mich – ausnahmsweise mal wirklich pünktlich – mit dem kläglichen Rest und einem DriveNow-Auto auf den Weg gen Kita. Bereits nach dem ersten Kilometer hatten sich weitere viereinhalb Cake-Pop-Kandidaten in ihrem Karton das Leben genommen, in dem sie von dem Cake-Pop-Halter (den ich asap entsorgen werde, weil er seinem Namen wirklich keinerlei Ehre macht) kippten, was zur Folge hatte, dass ich den noch vor mir liegenden Weg im maximalen Schneckentempo zu fahren beschloss. Umso absurder ist das, was dann geschah.

Als ich am Alexanderplatz vorbeifuhr – links von mir Fernsehturm und Weihnachtsmarkt-Riesenrad, rechts die Spree – hörte ich plötzlich Sirenen, oder in Eurer Sprache: tatüüüü-tataaaaa, und zwar ziemlich viele und ziemlich laut. Ich bremste meine cakepopbedingte wie erwähnt ohnehin ja nicht ganz so hohe Geschwindigkeit, wollte gerade rechts ran fahren, und dann ging alles ziemlich schnell.

Ich sah, wie ein Smart auf mich zu raste, hinter ihm drei oder vier Polizeiautos. Ein weiterer Einsatzwagen wollte links an mir vorbeiziehen, doch dazu kam er nicht: Der Irre in dem Smart bremste nämlich nicht, sondern bretterte genau auf mich zu. Verrückterweise zog in diesem Moment nicht MEIN Leben an mir vorbei, sondern das der Cake-Pops, hektisch sah ich zu dem Karton im Fußraum – und dann knallte es auch schon irrsinnig laut. Das Auto war frontal zwischen mich und das Polizeiauto gerast, steckte jetzt zwischen dem rechten, völlig zertrümmerten Kotflügel des Streifenwagens und dem linken, noch zertrümmerteren Kotflügel meines Carsharing-Autos.

Und dann folgte eine Szene, die mehr als filmreif war: Der Fahrer, der mir sozusagen direkt gegenüber und keinen Meter entfernt saß, nahm den Kopf seiner Beifahrerin in beide Hände, küsste sie, hob dann die Hände, um sich zu ergeben, was die rund 15 Einsatzkräfte, die die Unfallszene umzingelten, offenbar nicht interessierte. Sie hatten ihre Waffen gezogen, und begannen, die Scheiben des Wagens einzuschlagen. Glas klirrte, Fahrer und Beifahrerin wurden aus dem Auto gezogen, auf die Straße gedrückt, Handschellen klickten.

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Ganz rechts: mein DriveNow-Auto, in der Mitte der Smart, links das Polizeiauto. Rund um das rote Rathaus gab’s mächtig Stau

Und ich saß da, am Steuer, beobachtete all das, zitterte am ganzen Körper, murmelte in Dauerschleife „Oh Gott, oh Gott“ und verfluchte mich zum 201. Mal an diesem Tag, weil ich (als Journalistin!) diese Szene nicht einmal gefilmt hatte, weil mein Handy irgendwo vergraben in meiner Handtasche und alles andere als griffbereit war.

Eine Polizistin öffnete die Beifahrertür meines Wagens. „Geht es Ihnen gut?“, frage sie, „sind Sie verletzt?“ – ganz ehrlich: ich wusste es nicht. Ich kletterte zu ihr rüber, bemerkte, dass meine Beine nur noch Pudding waren, befahl mir, nicht ohnmächtig zu werden und hörte sie mit Eurem Papa telefonieren. „Ihre Frau hatte einen Unfall.“ Die kommenden Minuten erinnere ich nur noch schleierhaft: Wie sich eine Menschentraube rund um den Crash bildete, dass auf einmal bestimmt 50 Polizisten vor Ort waren. Dass mir einer von ihnen erzählte, dass der Smart gestohlen sei und dass sie den Fahrer ab Moabit durch die halbe Stadt verfolgt hätten.

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Das Ende der Verfolgungsjagd, mit Blick auf den Weihnachtsmarkt. Die Scheiben des Smarts haben die Polizisten eingeschlagen, als sie den Mann aus dem Wagen zerrten

Dass er so schnell über die Torstraße gerast sei, dass er dort fast eine Frau mit Kinderwagen erwischt hätte. Wie einer der Polizisten schimpfte, dass es dem Verbrecher mit seiner kleinen Platzwunde am Kopf noch viel zu gut ginge – für den Scheiß, den er da abgezogen habe. Wie ein Krankenwagen kam, wie ein Sani mich durchcheckte und wie wir uns herrlich-kindisch darüber freuten, dass wir beide am exakt selben Tag geboren wurden. Wie ich mich zeitgleich verrückt machte, weil mir klar wurde, dass gerade alle Mamas und Papas bei der Weihnachtsfeier in der Kita eintrudelten, nur Ihr vermutlich ungeduldig um Euch schauen würdet. Wie ein Abschleppwagen für die demolierten Autos geordert wurde und wie ein anderer Sanitäter zu mir kam, und mir erzählte, dass der Smart-Fahrer gerade im Krankenwagen nebenan sitzt und mich unter Tränen um Verzeihung bittet. Wie Euer Papa plötzlich da stand, mich fest drückte – und wie ich dann, nachdem ich mich ein bisschen gefangen hatte, doch noch schnell ein paar Fotos „für die Versicherung“* schoss und den Chef der Lokalredaktion unserer Zeitung anrief.

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Dieses Foto machte Euer Vater, um Euch zu zeigen, wieso wir zu spät zur Kita-Weihnachtsfeier kamen. Im Hintergrund: Florian, mein Geburtstags-Vetter

Mit einer guten Stunde Verspätung (und den nach dem Crash natürlich völlig zermatschen Cake-Pops) kamen wir in der Kita an. Ihr ranntet mir in die Arme, und endlich konnten mich die bescheuerten Cake-Pops mal kreuzweise. Immerhin hatte ich nur SIE im Auto – und nicht EUCH. Ich umarmte Euch ein bisschen zu fest und schluckte ein paar Tränen herunter.

Auf dem Heimweg kamen sie zurück, und zwar mit voller Verstärkung. Sie kullerten mit solcher Wucht aus meinen Augen, dass ich Euren Papa bat, kurz anzuhalten und Euch schon mal nach Hause und ins Bett zu bringen. Ich ging zum Spanier in unserer Straße, bestellte ein Glas des kräftigsten Rotweins, leerte es ein bisschen schneller als die anderen Gäste um mich herum, weinte mir den Schock von der Seele, und begann diesen Text zu schreiben.

Mein lieber Herr Kokoschinski, hätte Eure Uroma Elfi jetzt gesagt. Ich hatte wohl ganz schönes Glück. Dass nur die Cake-Pops zermatscht wurden, das ist vermutlich am Ende dann doch das Best-Case-Ergebnis. Wie sich die Dinge doch manchmal drehen.

In der Hoffnung auf eine etwas besinnlichere Rest-Adventszeit,

Eure Zwillimuddi

*Redaktion

P.S.: Die Polizei formulierte es übrigens so:

34A154CF-E5C0-4834-9B10-F63D071FC501

 

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2 Gedanken zu “Wie ein irrer Autodieb am Alex meine Cake-Pops zermatschte

  1. Hallo, was für eine verrückte, filmreife und gänsehautmachende Geschichte. Ich glaube der Engel der Cakepops hat über Dich gewacht. Schon oft, wenn ich mit meinen Zwillis im Auto unterwegs war, ist auch ein bißchen die Angst mitgefahren. Der Gedanke mit den Mäusen im Auto einen Unfall zu haben, ist schrecklich… Zum Glück ist dir bis auf den Schock nichts passiert. P.S. Ich freue mich sehr wieder was auf deinem Blog lesen zu können.😊

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